Von Erwin Brunner und Joachim Riedl

Wien, am Palmsonntag

Der Himmel lacht. Fanfarenstöße erschallen. Die Ministranten kichern und wedeln mit ihren Palmkätzchenzweigen durch die Luft. Neugierig drängen sich an diesem Sonntagmorgen die betuchten Bürger von Wien um die Pestsäule mitten im barocken Herzen ihrer Stadt.

Viele sind gekommen, um ihren neuen Erzbischof leibhaftig zu sehen und zu hören, was er zu sagen hat. Mit gesenkter Mitra, gemessen und in stiller Andacht versunken geleitet er die muntere Prozession zu seiner Kathedrale, dem Dom zu St. Stephan.

Kaum kann das mächtige Kirchenschiff die Menge fassen. Alle wollen einen guten Platz, an dem sie auch den Oberhirten zu Gesicht bekommen können. Eine kleine zierliche Nonne stellt sich auf die Zehenspitzen; ihre Augen leuchten. Von Zeit zu Zeit blitzt eine Schnappschußkamera im Halbdunkel auf. Weihrauch und fromme Choräle erfüllen den Kirchenraum. Man wartet, hofft, daß der Erzbischof vielleicht doch noch das Wort ergreift.

Doch der sitzt auf seinem Stuhl – fromm und stumm. Kein Predigtwort mahnt die Gläubigen zur Eintracht; keine Fürbitte erfleht den Kirchenfrieden; nicht einmal ein Stoßgebet wird laut, der Himmel möge mit dem geplagten Kirchenvolk von Wien ein Einsehen haben.

Der fromme Schein trügt. In der Erzdiözese Wien, einer der größten Europas, gärt es wie schon lange nicht mehr. Seit einem Monat sind die Wiener Katholiken, ja neuerdings die Gläubigen in ganz Österreich im Aufruhr. Allerhöchste Kleriker zeihen einander bösartigster Absichten; Wien schwirrt vor Gerüchten und verschwörerischem Klatsch. „Es ist“, sagt der Religionswissenschaftler und nicht mehr in Kirchendiensten stehende Kleriker Adolf Holl, „als habe der Teufel in einer ganz besonders boshaften Stunde das Drehbuch geschrieben.“