Von Joachim Nawrocki

Berlin, im April

Es sieht so aus, als hätte Erich Honecker nur noch auf einen Vorwand gewartet. Am Montag schließlich sagte der SED-Generalsekretär seinen Besuch beim "westlichen" Festakt zum Stadtjubiläum ab, zu dem ihn der Regierende Bürgermeister Diepgen eingeladen hatte. Honecker brauchte wohl einen Vorwand, um Diepgen für die Feier am 30. April einen Korb geben zu können. Aber er hat den denkbar schlechtesten gewählt: Einen neun Monate alten, längst nicht mehr aktuellen Brief Diepgens an die Ministerpräsidenten der Bundesländer, in denen dieser von einer Teilnahme an Staatsakten zur 750-Jahr-Feier in Ost-Berlin abrät. Honeckers Begründung ist so vordergründig, daß sie fast schon vermuten läßt, er habe auf diese Weise erkennen lassen wollen, daß er nicht Herr der Lage ist.

Nun wird es auch für Diepgen schwer werden, Honeckers Einladung zum Staatsakt am 23. Oktober in Ost-Berlin und zu Oberbürgermeister Erhard Kracks Bürgermeistertreffen Anfang Juni anzunehmen. All diejenigen, die dagegen sind, daß Diepgen bei einer Veranstaltung der DDR in Ost-Berlin auftritt, werden nun frohlocken. Wahrscheinlich hat er sich mit seiner Einladung an Honecker selbst ein Bein gestellt, oder sich zumindest dadurch in eine Zwickmühle gebracht, daß er seine Antwort zu lange hinausgezögert hat und Honecker das Gesetz des Handelns überließ. Dabei war seit einigen Wochen abzusehen, daß der Staatsratsvorsitzende der DDR zur Feier in West-Berlin nicht kommen können würde. Deshalb hat Diepgen schon die Parole ausgegeben, daß die Reaktion aus Ost-Berlin keineswegs die Westberliner Antwort präjudiziere. "Zwar hängt alles mit allem zusammen, aber alles hängt doch nicht zusammen", heißt es im Rathaus Schöneberg, und das sei so, weil Diepgen eben "tiefe Gelüste" habe, bei Ost-Berlins 750-Jahr-Feier präsent zu sein.

Und darin hat sich der Regierende Bürgermeister bislang auch nicht beirren lassen, weder durch die permanente Schelte der Springer-Zeitungen oder durch den warnend erhobenen Zeigefinger des unabhängigen "Tagesspiegel", noch durch Opposition in den eigenen Reihen oder das Stirnrunzeln einiger Alliierter. Aber nun ist ihm Honeckers Absage dazwischen gekommen. Auch der Staatsratsvorsitzende wäre fraglos gerne in West-Berlin aufgetreten. Noch bei seinem Gespräch mit Diepgen bei der Leipziger Frühjahrsmesse war viel guter Wille spürbar. Die Zeichen standen zeitweilig so gut, daß auch Senatoren zu Wetten bereit waren, Honecker werde kommen.

Zur Erläuterung hieß es dann, daß die Vormacht der DDR sich derzeit ganz auf die Innenpolitik und Abrüstungsfragen konzentriere und außenpolitisch Ruhe brauche, und die DDR sei eben am ruhigsten, wenn sie von der Sowjetunion deutschlandpolitischen Spielraum erhalte. Aber so groß ist der Spielraum nun doch nicht, daß Gorbatschow gerne zugesehen hätte, wie Honecker in West-Berlin, mit Diepgen, dem Bundespräsidenten und den Vertretern der Westmächte in einer Reihe sitzend, einer Rede von Bundeskanzler Kohl zuhört. In Statusfragen sind die Sowjets mindestens so pingelig wie die Westalliierten.

Daß es dazu nun nicht kommt, ist ohne Frage auch Salz in Diepgens Suppe, denn er hatte sich von der Einladungsdiplomatie nicht nur freundliche Händedrücke versprochen. Ihm geht es um ein bißchen mehr gegenseitige Respektierung von Realitäten: Anerkennung der realen Hauptstadt-Funktion Ost-Berlins, wie es die Westmächte und die Bundesregierung ja seit langem praktizieren, gegen Anerkennung der Bindungen Berlins an die Bundesrepublik. Die Chance war gegeben, denn nachdem die DDR-Führung auch noch lange nach Abschluß des Viermächteabkommens über Berlin darauf aus war, West-Berlin zu separieren und zu diskriminieren, sah sie nun eher eine politische Chance darin, West-Berlin zu akzeptieren und sich mit seiner Existenz zu arrangieren.