Von Robert Leicht

Das Spiel wäre wohl doch eine Nummer zu groß gewesen: Berlin feiert seinen 750. Geburtstag – Erich Honecker kommt zur Eröffnungsfeier nach West-Berlin, Eberhard Diepgen reist zum Staatsakt in den Osten der geteilten Stadt. Mit einem Minimum an politischer Phantasie läßt sich ausmalen, welche geschichtlichen Assoziationen, welche Hoffnungen, aber auch Besorgnisse eine solche deutsch-deutsche Parallelaktion in der ehemaligen Reichshauptstadt ausgelöst hätte. Doch seit Honeckers Korb für Diepgen könnte Parallelität nur noch heißen: Gleichziehen, ebenfalls absagen. Muß das sein?

Schon vor seiner Gegeneinladung an den Staatsratsvorsitzenden hatte der Regierende Bürgermeister große Schwierigkeiten mit seinen Reiseplänen – in der Berliner CDU, auch im Senat, vor allem bei den Westmächten, den eigentlichen Souveränen in seiner Stadt. Ob die Offerte an Honecker als Brücke oder als Bruchpunkt ausgedacht worden war – die Absage jedenfalls hat die Probleme nur vergrößert. Die Frage, ob Diepgen nicht längst hätte kurz und bündig zusagen sollen (ungeachtet aller Einwände), ist inzwischen überholt. Jetzt geht es darum, den Schaden aus diesem Rückschlag zu begrenzen. Diepgen wirkt wie ein Spieler, der seinem Blatt letztlich doch nicht ganz traute und sich dann überreizte, vielleicht sogar gedrängt wurde, sich zu überreizen.

Wahrscheinlich ist, indem aus der ursprünglich einseitigen Jubiläumseinladung ein deutscher Doppelzug gemacht wurde, die westliche Dreier-Koalition der Widersacher zum west-östlichen Quartett ausgebaut worden. Den Amerikanern, Engländern und Franzosen hat sich nun offenbar auch die Sowjetunion als Bedenkenträger angeschlossen, von den Skeptikern in beiden deutschen Lagern einmal ganz abgesehen. National-städtische Feierlichkeiten über die Mauern hinweg – das erschien wohl manchem doch als zu riskant.

Die Begründung, die Honecker seiner Absage beifügte, ist ziemlich zwiespältig: weder so scharf noch so sanft, daß der Regierende Bürgermeister der zähen Zweifel von selbst enthoben wäre. Gewiß, da heißt es, "zur Zeit" sähe der Staatsratsvorsitzende keine Möglichkeit zur Teilnahme am Feste; aber wann sonst? Außerdem stimmte Ost-Berlin den Kontakten zwischen einigen Bezirken der Stadt hüben und drüben zu, durften doch einige DDR-Bürgermeister ihre Zusage zum Oberbürgermeister-Treffen in West-Berlin abschicken.

Gleichzeitig aber kramte Honecker (wie auch einige Besuchsgegner im Westen dies taten) einen Brief vom Juli 1986 hervor, in dem Diepgen die Ministerpräsidenten der Bundesländer eindringlich ermahnt hatte, nur ja nicht zu dem Jubiläums-Staatsakt nach Ost-Berlin zu reisen. Zwei Gründe hob er damals hervor: Erstens die Haltung der DDR und zweitens den "Vier-Mächte-Status von Groß-Berlin". Der Berliner Senat betont jetzt allerdings, die Haltung der DDR habe sich mittlerweile wesentlich geändert. Dennoch ist Diepgen nun insofern bloßgestellt worden, als sich der von ihm selbst so steif beschworene Status der Stadt in den vergangenen neun Monaten nicht so schnell geändert haben kann wie seine eigenen politischen Pläne und Absichten.

Zwar wird jener Brief nun zum Stein des Anstoßes gemacht; aber gleichzeitig kann man ihn auch als Schlüssel zum Problem sehen. Diepgen wollte damals wie heute – mit seiner Warnung vor dem Staatsakt wie mit seiner Lust an der Teilnahme – verhindern, daß West-Berlin an den Rand gedrängt wird, sowohl im sich verdichtenden deutsch-deutschen Beziehungsgeflecht als auch im Aufwertungsprozeß Ost-Berlins als faktisch akzeptierter DDR-Hauptstadt. Wenn der politische Wille in Ost und West vorhanden ist, diese Isolierung zu vermeiden, dann kommt es weder auf bestimmte Besuche zu einem bestimmten Zeitpunkt an, noch müssen solche Gesten auf alle Zeit unterbleiben. Jedenfalls kann es nicht der Weisheit letzter Schluß bleiben, daß alle Ministerpräsidenten Honecker in Ost-Berlin ihre Aufwartung machen dürfen, aber Diepgen nach Leipzig reisen muß, um den SED-Chef zu treffen.