Von Gerhard Spörl

Noch ist er ein Novize im Wartestand und lehnt nachmittags unerkannt an der Theke in einem übervollen Bonner Café, nippt am zweiten Glas Orangensaft, weil er die Fastenzeit zur Abstinenz aus Vernunftgründen nutzt, und folgt neugierig den Bemühungen, einen roten Faden in seinem Leben zu finden. „Ich bin vielleicht seltsam ungriffig“, stellt Klaus Töpfer nicht unfreundlich fest. Er ist eben bislang nur ein Minister in Mainz gewesen, auch wenn sich herumgesprochen hatte, daß er zu den Glanzlichtern der Union gehört und sich in der Umweltpolitik an Wissen oder Erfahrung kaum überbieten läßt. Deshalb hat sich niemand übermäßig gewundert, als Helmut Kohl ihn zum zweiten Bundesumweltminister erkor.

Trotzdem ging ein Rauschen durch den Blätterwald. So recht paßt Töpfer nämlich doch wieder nicht ins zweite Kohlsche Gesamtkunstwerk. Er ist kein lupenreiner Berufspolitiker, er ist nur wenig verwurzelt in seiner Partei. Statt dessen pendelte er regelmäßig zwischen Universität und Ministerien hin und her und legte Wert auf seine Unabhängigkeit. Noch in Mainz hielt er Vorlesungen über Raumforschung und Landesplanung, immer nahe an der politischen Praxis und doch in Distanz dazu. Drinnen und zugleich ein bißchen draußen zu sein, machte ihm einfach am meisten Spaß. Die Doppelarbeit erst füllte ihn wohl richtig aus. In den acht Jahren Rheinland-Pfalz (erst Staatssekretär, seit 1985 Minister) kam er nur einmal, während des Weinskandals, richtig ins Schleudern.

Was Journalisten auf Töpfer aufmerksam machte – das Abweichen vom Gewohnten, daß er Widersprüchliches miteinander vereinbarte –, macht ihn in der Union eher verdächtig. Noch ein Außenseiter, noch ein Seiteneinsteiger, ein Überflieger, also blieb das Getuschel hinter vorgehaltener Hand nicht aus. Wo bitte ist das unzweideutig Konservative?

Halb spöttisch, halb neugierig beteiligt sich der Umweltminister in spe an der Spurensuche. An herkömmlichen Unionsindizien fehlt es in seiner Biographie nicht. Er war gerade sieben Jahre alt, als seine Familie nach Kriegsende aus Schlesien vertrieben wurde. „Ich kann mich nicht an die Landschaft erinnern, aber ich habe Typenbilder im Kopf“, sinniert er. „Ich sehe ganz deutlich vor mir, wie ein deutscher Aufseher, der im Krieg die polnischen Arbeiter im Bergwerk geknechtet hatte, danach von ihnen auf offener Straße gelyncht wurde. Ich sehe ihn noch richtig dort liegen.“ Zum Trauma sind diese Bilder, so meint er, nicht geworden. Überhaupt hat er eine starke Abneigung gegen überzogene Ableitungen, ob sie nun in der Psychologie oder in der Politik angewandt werden.

Vielleicht blieb er ganz einfach von großen Brüchen und Niederlagen bisher verschont. Es ging immer aufwärts, vorwärts in seinem Leben; es herrscht großes Einverständnis ohne tönendes Pathos mit dem Land, in dem er sich entfaltete. Lauter Sätze fürs Poesiealbum, erstaunlich erträglich, weil sie ruhig und gleichsam nach innen gerichtet vorgetragen werden: „Ich gehöre nun einmal zur Nachkriegsgeneration, die mit dem Lauf der Dinge einverstanden war, weil sie ihr Chancen boten zu werden, was sie werden wollte.“

Wo er auch landete, Töpfer kam immer mit den Gegebenheiten zurecht. Für den Schüler im erzkonservativen, erzkatholischen Teil Westfalens war es selbstverständlich, daß er in den „Bund Neudeutschland“ eintrat, der zur Bündischen Jugend gehört und der in der Union noch heute eine gewisse Bedeutung besitzt. Mißtrauische Geister, die Töpfers Lebensweg rekonstruierten, sehen darin eine Art Opus Dei, dessen Mitglieder sich gegenseitig in Amt und Würden schieben. Aber über geheime Zirkel und Verschwörungen allein kann man sich in der CDU heute nicht hocharbeiten. Töpfer jedenfalls brachte es nur zu einem minderen Rang im Bund, der ohne Erinnerungsscheu „Fähnleinführer“ heißt. „Ich mußte in der Schule und an der Universität ja ranticken. Damit war ich ausgelastet. Wenn Sie so wollen, war ich von Anfang an karrierebezogen.“