Von Johannes Hermanns

Auf einem Wandbord, zwischen zerbeulten Töpfen und vergilbten Photos, liegt eine Bibel. Daneben steht eine kleine Plastikstatue der Nossa Senhora Aparecida. Zu ihr beten die kleinen Leute in Brasilien, wenn sie Sorgen haben. Und Tereza Klahn, die Frau des Landarbeiters Enrique Klahn und Mutter von drei Kindern, hat Sorgen. Seit anderthalb Jahren lebt die Familie auf der Fazenda Annoni im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul. Die Klahns sind friedliche Leute, aber nach offiziellem Sprachgebrauch sind sie Landbesetzer, Leute, die sich illegal ein Stück Land aneignen wollen. Das bedrückt sie.

Ein Companheiro habe sie mit einem Lastwagen hierher gebracht, als sie von der Besetzung der Fazenda gehört hätten, erzählt Enrique Klahn. 8000 Hektar groß ist die Fazenda Annoni, und fast ebenso viele Menschen leben auf einem Teil des weiträumigen Terrains, in einem Gewirr von Hütten und Zelten, ohne Strom und ohne Wasser. Trampelpfade verlaufen kreuz und quer durch das Lager. Bei Regen verwandelt sich die staubige, rote Erde in tiefen Morast. Im Winter sinkt die Temperatur unter den Gefrierpunkt.

1982 war die Fazenda Annoni, weil sie nicht mehr bewirtschaftet wurde, von der Regierung enteignet worden. Im Rahmen der Agrarreform sollte sie unter besitzlose Landarbeiter und Kleinbauern aufgeteilt werden. Die Familie Annoni aber wollte ihren Besitz nicht hergeben, und es begann ein jahrelanger Rechtsstreit. Das Land lag brach. Im September 1985 schließlich wurde die Fazenda einfach besetzt. Von weither strömten Menschen zusammen, errichteten provisorische Unterkünfte und erklärten, daß sie hier nicht wieder weggehen würden, bis die Regierung ihnen mit einer staatlich beglaubigten Besitzurkunde ein Stück Land zuteile. In den ersten Monaten kam immer wieder die Polizei, legte Listen an, fragte nach Dokumenten, um den Leuten angst zu machen und Druck auszuüben: Sie sollten wieder zurückgehen in ihre Dörfer.

Aus 32 Munizipien (Gemeinden) kamen die Landarbeiter und Kleinbauern mit ihren Familien; aus 32 Steinen haben sie ein Kreuz geformt, das den Eingang zum Lager markiert. Auf jedem Stein ist der Name eines Municips eingetragen. Am Kopfende des Kreuzes ist symbolisch eine Zange in den Beton eingelassen. Mit einer Zange haben die Bauern bei Nacht die Zäune durchschnitten, als sie die Fazenda besetzten.

Frühere Nachbarn, Mitglieder derselben Gemeinde, suchen auch in der neuen Umgebung zusammenzubleiben. Jede Gruppe hat ihren Backofen aus Lehm, wo Brot gebacken, jede Familie ihre Feuerstätte, auf der gekocht wird. Die Ofenrohre sind zum Teil aus Konservendosen gebastelt. Zwischen den Zelten scharren Hühner, Schweine suchen in den Abfällen nach Futter. An langen Leinen hängt die Wäsche. Kinder hanteln sich an Lianen, die von den Bäumen herabhängen, von einem Zelt zum andern. Es gibt über 900 schulpflichtige Kinder im Lager, aber keine Schule. Fast 100 Kinder sind seit der Besetzung der Fazenda Annoni geboren worden. Ein halbes Dutzend Säuglinge und drei Mütter sind bei der Geburt gestorben. Der Arzt hat im Totenschein vermerkt, daß sie an Unterernährung starben.

Alles, was der Familie Klahn gehört, ist auf knapp acht Quadratmeter Fläche unter einem Wellblechdach verstaut. Ein Tisch, einige Stühle, ein alter Schrank, eine Bettstatt, ein paar Hängematten. An der Außenwand, neben dem Eingang, eine Bank, vollgestellt mit Topfpflanzen. Vor der Hütte ein Gemüsegarten, in dem Kohl, Gurken und Bohnen wachsen. Als die Klahns mit ihren drei Kindern kamen, waren die Plätze unter den Bäumen eines kleinen Waldstücks schon vergeben. So bauten sie ihre Hütte am Waldrand. Tagsüber brennt die Sonne auf das Blechdach. Auf einige Wochen hatte man sich eingerichtet. Dann, so glaubte man, würde die Sache vorangehen. Die Landvermesser würden kommen und mithelfen, den Traum vom eigenen Land zu verwirklichen.