Wußten Sie schon, daß Cordon bleu nicht unbedingt etwas mit Essen zu tun hat, daß Napoleon nicht nur der Name eines Kaisers ist, daß ein Manhattan nicht immer nur mit Bourbon gemixt sein muß? Was es mit Cordon Bleu und Napoleon auf sich hat, erfährt der Besucher in der Stadt Cognac, inmitten der sanfthügeligen Landschaft der Charente.

Die Charente, das ist die Region im Hinterland der Atlantikküste, etwa dort, wo die Gironde breit in den Atlantik mündet. Cognac liegt rund 120 Kilometer nördlich von Bordeaux. Daß der weltberühmte Branntwein, das vielgepriesene „Eau de vie“, heute ausgerechnet Cognac heißt und nicht Jarnac, Segonzac, Archiac oder auch Jonzac, ist übrigens mehr ein historischer Zufall. Es war nun einmal das Dorf Cognac, in dem sich Jean Martell im Jahre 1715, von Jersey kommend, niederließ, um fortan Branntwein herzustellen. Damit ist Martell das Cognac-Haus mit der längsten Tradition. Jean Martell schien ein guter Geschäftsmann gewesen zu sein. Schon wenige Jahre nach seiner Ankunft in Cognac verschickte seine Firma jährlich rund 35 000 Fässer. Heute sind es 30 Millionen Martell-Flaschen, die Jahr für Jahr in 140 Länder exportiert werden.

Als Jean Martell schon gut im Geschäft war, kamen andere wie etwa der irische Soldat Richard Hennessy, der 1765 beschloß, in Cognac Brandy herzustellen. Oder wie Baron Otard, eigentlich schottischer Abstammung, der sein Cognac-Geschäft im Jahre 1795 im Château Cognac aufmachte. In den Gewölben, zwischen den meterdicken Wänden des Gemäuers, glaubte er die idealen Bedingungen zum Reifen seines Cognacs gefunden zu haben: gleichbleibend kühl, nicht zu feucht und nicht zu trocken.

Wer heute nach Cognac kommt, kann sich die berühmten Häuser natürlich anschauen, von außen – und von innen. Aber Vorsicht: Verkatert sollte man einen solchen Besuch nicht wagen. Der zweifach gebrannte Wein, zu diesem Zeitpunkt noch vollkommen klar, altert in Tausenden von Eichenfässern, von denen er seine typische Bernsteinfarbe bekommt. Durch das poröse Holz verdunstet beispielsweise bei Martell jährlich die Menge von umgerechnet fast 2,5 Millionen Flaschen. Ein intensiver Geruch von dem köstlichen „Lebenswasser“ erfüllt die Luft jeder Cognacbrennerei, schön allein vom „part des anges“, dem „Anteil der Engel“, wie er genannt wird, kann man beschwipst werden.

Und noch etwas bewirkt diese von Alkoholdunst gesättigte Luft. Viele Hauswände und Dächer in Cognac sind schwarz – bewachsen mit einem kleinen, aber dafür emsig wuchernden Pilz. Er trägt den Namen Torula und lebt vom „Anteil der Engel“. Auf diese Weise, so scherzen die Bewohner von Cognac, kann jedenfalls niemand geheime Branntweinvorräte im Keller horten. Der Torulabefall seines Hauses würde ihn binnen weniger Monate verraten.

Die Führung durch eine der Cognacbrennereien gibt Aufschluß über Ursprung und Herstellung der edlen Tropfen. Zum Beispiel über die sechs verschiedenen Weinanbaugebiete, aus deren Trauben später Cognac werden kann. Die beiden besten Lagen heißen übrigens „Grande Champagne“ und „Petite Champagne“, haben jedoch mit Champagner nichts gemein – abgesehen davon, daß ja auch jener nur aus den besten Trauben hergestellt werden darf. Ferner erfährt man auf einem solchen Rundgang etwas über die zweifache Destillation des jungen Weines, über das Reifen in den bereits erwähnten Eichenfässern und schließlich, mit das Wichtigste im Cognac-Prozeß, über die „Vermählung“ verschiedener Sorten und Jahrgänge, um den jeweils markentypischen Geschmack zu treffen. Hier sind die Geschmacksnerven des jeweiligen Kellermeisters gefragt: Er muß die Eigenheiten eines jeden Jahrgangs erkennen, um sie dann zusammenzufügen zu einem V.S.O.P. (Very Special Old Pale), zu einem exklusiven und teuren Cordon bleu von Martell oder einem kräftigen Napoleon von Hennessy.

Natürlich kann man sie probieren am Ende eines solchen – kostenlosen – Besuches. Aber bevor man dann wieder, leicht schwankend, ins Freie tritt, wird man doch noch fast zwangsläufig zur Kasse gebeten: Zu günstigen Fabrikpreisen können die Produkte in attraktiven Geschenkpackungen gekauft werden. Und weil es ja so günstig ist und man in übermütiger Urlaubsstimmung ist und überhaupt... kaum ein Besucher geht, ohne eine Flasche mitzunehmen.

Wie aber beschließt man solch einen fröhlichen Tag? Vierzehn Kilometer südlich von Cognac, kurz vor Archiac, liegt die alte Mühle „Le Moulin de Chierzac“. Hier läßt es sich nicht nur höchst romantisch übernachten, sondern im Kaminzimmer auch vorzüglich tafeln. Die Mühle von Chierzac wurde 1764 an dem winzigen Flüßchen Ne errichtet und sieht eigentlich eher aus wie ein elegantes englisches Landhaus. Alles ist etwas plüschig, aber sehr behaglich. Am schönsten ist Zimmer neun, direkt unterm Dach, mit Blümchentapete und schweren Balken, mit dicken Teppichen und einem luxuriösen Badezimmer. Eine der Köstlichkeiten der Küche sind überbackene Schnecken mit hausgemachter Foie Gras von Entenleber – aber auch die frischen Austern von der nahe gelegenen Küste sind ausgezeichnet. Selbst für Frankreich ungewöhnlich ist dagegen die lokalpatriotische Cognac-Karte, mit deren Studium man ein Mahl in dieser Region beenden sollte. Etwa vierzig verschiedene „Eaux de vie“ findet man dort, je nach Marke, Jahrgang und Sorte bis zu 380 Franc teuer. Pro Glas, versteht sich. Detlef Jens