Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im April

Nimmt man die vielen Kontakte, dann steht das deutsch-deutsche Verhältnis, trotz Erich Honeckers Berlin-Absage, wie unter einem neuen Honigmond. Kaum war die Bonner Regierung wieder etabliert, ist Kanzleramtschef Wolfgang Schäuble zu Erich Honecker gefahren. Umgekehrt hat das SED-Politbüro-Mitglied Günter Mittag bei Helmut Kohl Besuch gemacht. Außerdem sind, während der Leipziger Frühjahrsmesse oder in Ost-Berlin, Martin Bangemann, Franz Josef Strauß, Lothar Späth und zuletzt Wolfgang Mischnick mit Honecker und in Bonn wiederum Bangemann und Strauß sowie Hans-Jochen Vogel mit Mittag zusammengekommen. Die DDR nutzt Michail Gorbatschows Öffnungs- und Entspannungspolitik vor allem für ihre innerdeutschen Zwecke, Bonn knüpft dort wieder an, wo die Beziehungen wegen des Wahlkampfs und einiger Entgleisungen, auch des Kanzlers, in den Wartestand geraten waren.

Freilich, trotz der Besuchs-Ouvertüre ist noch keine rechte Partitur für neue konzertierte Aktionen zu sehen. Zwar können, sobald Einzelheiten auch der praktischen Einbeziehung West-Berlins ausgehandelt sind, die seit langem auf der Tagesordnung stehenden Abkommen über einen gemeinsamen Umweltschutz und über die Zusammenarbeit auf wissenschaftlich-technischem Gebiet unterzeichnet werden. Doch beide Vereinbarungen schaffen kaum mehr als den Rahmen für eine engere Kooperation. Fürs erste wird wohl ein rein fachlicher Austausch vor handfesten Vorhaben stehen – es sei denn, beide Seiten schlügen, abermals vor allem beim Umweltschutz, wirklich ein neues Kapitel auf.

Das könnte geschehen, wenn den jüngsten Erwägungen über einen Stromverbund zwischen den beiden deutschen Staaten auch Taten folgen. Der Gedanke an einen solchen Verbund unter Einschluß West-Berlins ist nicht neu, aber in früheren Jahren an finanziellen Einwänden und politischen Bedenken gescheitert – nicht nur in Bonn, sondern zumal auch in West-Berlin, das sich von Stromlieferungen aus der DDR nicht abhängig machen wollte. Inzwischen stoßen jedoch neue Kraftwerke in der westlichen Hälfte der Stadt auf Schwierigkeiten, und hinzu kommen die schlechten Erfahrungen, die sie, wie auch einige östliche Randzonen des Bundesgebiets, mit dem Braunkohle-Smog aus der DDR gemacht hat. Als Konsequenz stößt der Wunsch der DDR nach Lieferung eines Heizkraftwerks mit modernster Umwelttechnik, zu bezahlen mit Stromlieferungen, auf offenere Ohren als zuvor.

Daran knüpfen sich Überlegungen, die noch viel weiter reichen. Offenkundig denkt Ost-Berlin als Kompensation auch an Energieexporte in Grenzbezirke der Bundesrepublik – aber umgekehrt auch an Stromlieferungen aus der Bundesrepublik, wenn man, wie wieder in diesem Winter, mit dem eigenen Braunkohleabbau in Kalamitäten gerät. Mag das eine für das Stromüberschußland Bundesrepublik wenig Sinn ergeben, das andere paßt um so mehr – und politisch zumal dann, wenn es auch zu einer direkten Energietrasse nach West-Berlin käme. Doch würde sich darauf die DDR einlassen?

So verschränken sich ökonomische und politische Aspekte. Vollends kompliziert aber werden die Probleme dadurch, daß es unter Umweltgesichtspunkten vor allem auch um jene über fünf Millionen Tonnen Schwefeldioxyd geht, die die DDR jährlich in die Luft bläst, fast doppelt so viel wie die größere und noch mehr industrialisierte Bundesrepublik. Die Hälfte dieser Emissionen stammt aus Kraftwerken, die mit Braunkohle befeuert werden. Solchen Kraftwerken muß die DDR den Vorzug geben, weil Braunkohle der einzige einheimische Energieträger ist, noch höhere Öl- und Gasimporte zu teuer kämen und Kernkraft in großem Maßstab, abgesehen von den ebenfalls hohen Investitionen, auch im anderen deutschen Staat nicht unumstritten ist.