Dichtungen und Oden des Fernando Pessoa, der sich auch Ricardo Reis und Alberto Caeiro nannte

Von Ute Stempel

In der Klosterkirche des heiligen Hieronymus von Beiém am südwestlichen Stadtrand von Lissabon haben die Portugiesen im November 1985 die sterblichen Überreste des Dichters Fernando Pessoa beigesetzt. Genau fünfzig Jahre nach seinem Tode wurde er, der „niemand, nichts“ sein wollte, endlich der letzten Ruhe dort für würdig befunden, wo Portugal bislang nur jene begraben oder mit einem Epitaph bedacht hatte, die das Land einstmals zur mächtigen Seefahrernation gemacht und wie Luis de Camões mit seinem „Lusiaden“-Epos von 1572 vergilisch korrekt durch Gesang glorifiziert hatten.

Mit dem 1888 in der portugiesischen Hauptstadt geborenen Pessoa ließ sich allerdings weder zu seinen Lebzeiten unter Salazar noch später unter Caetano Staat machen. Einen, der sich als „ein Fremder hier wie überall“ fühlte und dem „alle Länder das gleiche Land“ schienen, konnte die als Estado Novo kaschierte Diktatur Antonio Salazars ebensowenig vereinnahmen wie das Regime Marcelo Caetanos, das mit sanftem Zynismus „Entwicklung in der Kontinuität“ versprochen hatte, die sich am 25. April 1974 in die Revolution der Nelken verwickelte.

Auch deren utopischen Fortschrittsimpetus hätte Pessoa nicht teilen können, der schon 1913 bis 1934 in seinen erst 1982 herausgegebenen poetisch reflektierenden Prosaskizzen „Das Buch der Unruhe“ ein alter ego namens Bernardo Soares konstatieren läßt: „Als die Generation geboren wurde, der ich angehöre, fand sie die Welt ohne Stützen vor, ohne Sicherheit in religiöser Hinsicht, ohne moralischen Halt und ohne Ruhe im Politischen. Wir wurden in metaphysische Angst, in moralische Angst, in politische Unruhe hineingeboren...Mithin ist jeder einzelne von uns sich selbst überlassen worden und der Trostlosigkeit, sich am Leben zu fühlen.“

Aus der desolaten Einsicht, einer „Rasse des Endes“ anzugehören, für die der Begriff „Zukunft“ nicht einmal mehr als Vision existiert, floh Pessoa in ein – ihn als Schriftsteller durchaus stabilisierendes – Spiel von Verstellungen: „Ich bin die lebendige Bühne, auf der verschiedene Schauspieler auftreten, die verschiedene Stücke aufführen.“ Dieser Devise konnte er mit narzißstischem Selbstschutz besten Gewissens schon allein deshalb folgen, weil sein Name pessoa dem lateinischen persona, der alten römischen Schauspielermaske entsprach und damit viele Scheinvarianten, seines Ichs zuließ. Er hat sie als Lyriker unter den verschiedensten Namen hervortreten lassen: als Alberto Caeiro, Alvaro de Campos, Ricardo Reis und Fernando Pessoa.

Sein buchstäblich ereignisloses Leben allerdings hatte ihm nur eine Rolle zugedacht: die des Auslandskorrespondenten verschiedener Handelshäuser in Lissabon. Nach Jugend- und Studienjahren im südafrikanischen Durban, wo seine Mutter eine zweite Ehe eingegangen war, war er in das melancholisch-verschlafene Lissabon zurückgekehrt, wo damals Dreiviertel der Bevölkerung nicht einmal lesen konnten und wo ein. Dichter wirklich dazu verurteilt war, eine Scheinperson, eben niemand, zu sein.