„Auf der Suche nach dem goldenen Kind“ von Michael Ritchie

Am New Yorker Time Square ist es nicht anders als am Hamburger Gänsemarkt: Der proletarische Kinogeher, schwarz wie weiß, jubelt dem proletarischen Halt-die-Klappe-Humor des Eddie Murphy in der Regel bedingungslos zu. Sein Lachen ist der letzte, harmlos-hilflose Reflex einer Sache, die früher „Klassenkampf“ hieß und hierzulande in unsichtbare Vorort-Gettos hinausgedrängt wurde.

Daß der Neger-Komiker Eddie Murphy Charme und ein festes Gebiß besitzt, daß er lustige Grimassen zu schneiden vermag und meist gute Gagschreiber beschäftigt, soll hier nicht prinzipiell bezweifelt werden. In seiner aktuellen Arbeit allerdings erkennt man von all dem nur wenig, statt dessen aber, daß er sich übernommen hat, indem er beschloß, in einer Genre-Mixtur zu agieren, die eher ins Guinness-Buch der Rekorde Eingang finden wird als in einen gestrengen Film-Kanon. Eddie, der Privatdetektiv, soll dem wahrhaftigen Teufel ein tibetanisches Messias- und Wunderkind entreißen, damit auf Erden das Gute wieder Oberhand erhält. Das ist mal Fantasy, mal Kung-Fu, mal Horror, mal Krimi, mal Videoclip – aber nur selten komisch, sprich: Comedy.

Eddie Murphys gesellschaftlich benachteiligter Kombattant im Kinosessel mag zwar fast jedes Genre, vor allem, wenn es einzeln serviert wird, aber in diesem Fall wollte er eigentlich nur lachen. Etwa, wenn Eddie einem Bonzen frech grinsend die unverblümte Slum-Meinung ins Gesicht sagt: „Ich hau Ihnen auf die Backen, Meister!“ Daß solche rebellischen Einzeiler Mangelware sind, liegt daran, daß der schwarze Spartakus diesmal einen allzu abstrakten und metaphysischen Establishment-Bösewicht zum Gegner hat.

So macht sich Enttäuschung an Time Square und Gänsemarkt breit. Verriß-Freude dagegen stellt sich ein in einschlägigen Feuilleton-Etagen auf beiden Seiten des Atlantiks. Denn endlich manifestiert sich, was immer schon klar, doch schwer zu belegen war: Das kulturbedrohliche Phänomen Eddie Murphy entpuppt sich in seinem vierten Film zu guter Letzt als schmuddelig-parvenühafte Seifenblase. Flop! Nun sind, unumschränkt, wieder Doris Dörrie, Woody Allen und die Freunde vom „Untergang des amerikanischen Imperiums“ dran; der elitäre Witz der geistig und materiell Herrschenden hat gesiegt. „Auf der Suche nach dem goldenen Kind“? Ach was, der cineastische Klassenkampf ist beendet. Maxim Biller

Sehenswerte Filme

„True Stories“ von David Byrne. „Caravaggio“ von Derek Jarman. „Down by Law“ von Jim Jarmusch. „Abschied von Matjora“ von Elem Klimow. „Blue Velvet“ von David Lynch. „Der Rosenkönig“ von Werner Schroeter. „Opfer“ von Andrej Tarkowskij.