Von Wolfgang Hoffmann

Der Landgraf von Hessen hatte es vergleichsweise einfach. Als er Ende des 18. Jahrhunderts in seinem Sprengel Rekruten aushob, um sie den Engländern für den amerikanischen Kriegsschauplatz zu verschachern, machte er bei der Werbung der Bauernsöhne seines Landes nicht viel Federlesens. Da wurde nicht viel gefragt, es hieß vielmehr: Ab nach Kassel. Das war meist eine Reise ohne Wiederkehr.

Der Bonner Verteidigungsminister Manfred Wörner hat es schwerer. Er kann nur mit guten Worten locken. In einer seiner Anzeigenkampagnen sieht das so aus: "Dieser Coupon kann zum wichtigsten Abschnitt in Ihrem Leben werden. Kein anderer Arbeitgeber stellt jedes Jahr so viele junge Leute ein wie die Bundeswehr." Über 40 000 sind es in diesem Jahr.

Wer sich auf die Annoncenwerbung der Bundeswehr einläßt und sich freiwillig auf Zeit verpflichtet – zwischen zwei und zwölf Jahren – erfährt erst nach seiner Unterschrift worauf er sich eingelassen hat, auf einen Ehrendienst, der viel verlangt und oft nur wenig bietet. Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages Willi Weiskirch zitiert in seinem jüngsten Bericht zur Lage der Truppe einen Oberstleutnant mit einem Satz, der nichts Gutes verheißt "Es ist zumindest partiell und tendenziell menschlich kälter geworden. Der Mensch wird als operativer Planungsfaktor angesehen."

Die Klagen der Soldaten sind bewegt. Rekruten werden zu Laufburschen und Kaffeekulis degradiert, als Stiefelknechte mißbraucht oder in rüdem Ton als "Penner" und "Idioten" beschimpft. Weit schlimmer noch als solche Schikanen, die zwar nicht repräsentativ sind, gleichwohl das Bild der Bundeswehr in der Öffentlichkeit prägen, ist der normale Alltag der Truppe. Die Dienstzeitbelastung ist außerordentlich noch. Selbst der Verteidigungsminister macht daraus keinen Hehl. Er schätzt, daß die knapp 500 000 Soldaten eigentlich eine Arbeit leisten, die für gut 700 000 ausreicht.

Während die meisten Arbeitnehmer in der Bundesrepublik schon auf die 35-Stunden-Woche zusteuern, müssen Soldaten oft das Doppelte leisten. Siebzig Prozent der Soldaten des Heeres kommen auf mehr als 56 Wochenstunden. Drei Prozent – immerhin noch 15 000 – schieben bis 85 Stunden in der Woche Dienst.

Der Ausgleich für solche Mehrarbeit ist kärglich. Die Überstunden werden pauschal abgegolten und bei weitem nicht in allen Einheiten, sondern nur in solchen, die als besonders einsatzintensiv eingestuft sind. Der Überstundenausgleich wird auch erst fällig, wenn das 12-Stunden-Limit überschritten ist. Dann gibt es für Zeit- und Berufssoldaten 100 Mark im Monat, für Wehrpflichtige zwei Mark pro Tag.