Der Befreiungskrieg in Nicaragua ist zum Terror geworden

Von Horst Bieber

Plötzlich ist die Zeit wieder knapp geworden, für die Sandinisten wie für die Contra. Bis zum großen Regen, der in wenigen Wochen kommt, müssen die Gegner Managuas in ihrer vor drei Monaten begonnenen Offensive sichtbare militärische Erfolge erzielt haben, wollen sie nicht alle Hoffnungen begraben, auch künftig von den Vereinigten Staaten alimentiert zu werden. Dagegen muß sich die Regierung Nicaraguas bis Mitte Mai entscheiden, ob sie die voraussichtlich letzte Chance nutzen will, mit den Nachbarstaaten ein einvernehmliches Nebeneinander auszuhandeln. Und für ganz Lateinamerika muß sich erweisen, ob der Halbkontinent stark und einig genug ist, einen regionalen Konflikt selbst, ohne Einmischung und Diktat der Großmächte, zu lösen. Zufälle, Jahreszeiten und politische Termine führen drei zusammenhängende, aber bislang getrennt laufende Entwicklungen zusammen.

Die größten Sorgen muß sich die Contra-Führung machen. Sie hat zur Zeit die denkbar schlechteste Presse, vor allem in den Vereinigten Staaten. Die von Präsident Reagan einmal überschwenglich als "Freiheitshelden" titulierten Kämpfer haben militärisch nichts von dem gehalten, was ihre Führer vollmundig versprochen hatten. Ein Waffenerfolg über das sandinistische Volksheer ist pure Illusion, genauso wie das bescheidenere Ziel, ein Stück Nicaraguas dauerhaft zu besetzen und dort eine Gegenregierung auszurufen. Ihre Angriffe richten sich unverändert gegen zivile Ziele und die Bevölkerung; inzwischen müssen sie sogar die Hinterhalte der Regierungstruppen fürchten, die den Kleinkrieg, la guerilla, besser beherrschen als die Eindringlinge. Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges sind für Nicaragua verheerend, aber das war nicht die Absicht, mit der Washington die Contra aufgebaut hat.

Spätestens seit dem Irangate-Skandal muß die Contra-Führung Rechenschaft ablegen. Von 1984 bis 1986 haben die verschiedenen Gruppen zwischen 83 und 97 Millionen Dollar erhalten, außerdem eine unbekannte Summe aus dem amerikanischen Waffengeschäft mit dem Iran. Für rund zwanzig Millionen Dollar fehlen Belege, was im Klartext wohl heißt, daß ein gutes Fünftel der Hilfsgelder auf private Konten abgezweigt worden ist – nach lateinamerikanischen Usancen kein übermäßiger Schwund ("regierende" Militärs haben sich in der Regel mit so wenig nicht begnügt), aber für den von den Demokraten beherrschten Kongreß in Washington zu viel. Er hat zwar noch einmal die letzte Tranche bereits zugesagter Hilfe passieren lassen, aber mit so knapper Mehrheit, daß Ronald Reagan fürchten muß, im Haushaltsjahr 1988 seine Vorstellungen (rund 105 Millionen Dollar) nicht durchsetzen zu können – erst recht nicht, wenn die jetzige Contra-Offensive scheitert.

Hort der Reaktionäre

Dem Präsidenten und seinem Mittelamerika-Falken bereitet nicht nur das Finanzgebahren der Anti-Sandinisten Sorgen. Ihre Führung, die Vereinigte Nicaraguanische Opposition (nach dem spanischen Namen UNO abgekürzt), entpuppt sich immer mehr als Hort der Ewiggestrigen, in der alte Somozisten den Ton angeben. Das Führungs-Trio Adolfo Calero, Arturo Cruz und Alfonso Robelo hat sich inzwischen aufgelöst. Calero mußte auf Druck der amerikanischen Geldgeber zurücktreten; er bleibt aber politischer Chef jener Nicaraguanischen Demokratischen Kraft (FDN), deren zehn- bis zwölftausend Kämpfer unter dem Kommando des Obersten Enrique Bermudez, der einst in Somozas Nationalgarde diente, die einzige noch kämpfende Truppe darstellen. Cruz warf wenig später das Handtuch, entmutigt von den vergeblichen Versuchen, die UNO unter zivil-demokratische Kontrolle zu zwingen.