Drei Tage lang besuchte der sowjetische Parteichef Gorbatschow die Tschechoslowakei. Er kam – offiziell wegen einer Grippe – verspätet und reiste überraschend auch früher ab als zunächst erwartet.

Die spekulativen Erwartungen, die der Visite – fast neunzehn Jahre nach der Beendigung des Prager Frühlings durch die sowjetische Invasion – vorausgeeilt waren, erfüllten sich nicht. Der sowjetische Gast traf weder mit dem 1969 vom jetzigen Staats- und Parteichef Gustav Husák abgesetzten Reformpolitiker Alexander Dubček zusammen, noch verkündete er den Abzug von Einheiten der damals einmarschierten Sowjettruppen.

Gorbatschow vermied es in all seinen Reden und in seinen Gesprächen mit der Bevölkerung, direkt von der Besetzung durch die Warschauer-Pakt-Verbände im August 1968 zu sprechen. Er kritisierte die Entscheidung des damaligen Politbüros nicht, aber er bekräftigte sie auch nicht ausdrücklich als einzig richtigen Schritt.

Die um drei Tage verspätete Ankunft und der vorzeitige Abflug lösten zahlreiche Vermutungen über fortdauernde Spannungen zwischen dem Reformerflügel in Moskau und der seit neunzehn Jahren nahezu unveränderten, konservativen Parteiführung in Prag aus. Gorbatschow vermied es allerdings sorgfältig, offen Partei zu ergreifen im Streit zwischen den Dogmatikern um den ZK-Sekretär Vasil Bilák und den Pragmatikern um Ministerpräsident Lubomir Strougal. Am Ehrenmal für die Gefallenen legte er zusammen mit Bilák einen Kranz nieder, mit Strougal beriet er ausführlich über eine bessere wirtschaftliche Zusammenarbeit.

Daß der sowjetische Parteichef der Prager Führung dennoch heftig ins Gewissen redete, war an einem unüblichen Schritt zu erkennen: Im Parteigebäude an der Moldau traf er sich mit dem gesamten Parteipräsidium und allen Sekretären des Zentralkomitees zu einer geschlossenen Sitzung. Gorbatschow wich auch von seiner neuen Praxis ab, bei Besuchen Pressekonferenzen zu geben. Offensichtlich wollte er diesmal verfänglichen Fragen westlicher Journalisten nach dem Prager Frühling und den Gegensätzen in der tschechoslowakischen Führung ausweichen.

Allerdings spielte der Gast in improvisierten Straßengesprächen mit tschechoslowakischen Bürgern auf die Vergangenheit und die Notwendigkeit eines Generationenwechsels an der Moldau an. 1969, so sagte Gorbatschow, habe er bereits mit jungen „Parteiarbeitern“ die Tschechoslowakei besucht: „Und was fanden wir damals nicht alles vor, was hatte der Genosse Husák nicht alles auf seinen Schultern zu tragen! Es gab siebzehn Jugendorganisationen – Kraut und Rüben, was übrigens auch für das Bewußtsein der Jugendlichen galt... Die schwierige Periode haben wir hinter uns... Warum ich das sage? Weil ihr jungen Menschen bald alles auf eure Schultern nehmen und die Stafette weiter tragen werdet. Das Leben ist schwieriger als jede Schule. Manchmal muß man zurückstecken und dann wieder vorwärts gehen. Zu denken und zu begreifen ist quälend, doch fürchten soll man sich nicht davor.“

Ohne Zweifel war Gorbatschow während seiner Visite bemüht, die politische Führungsschicht des Landes nach neuen Kräften und Wurzeln für einen künftigen Reformkurs abzusuchen. Doch die großen Zeichen einer Revision der Breschnjew-Doktrin und einer neuen sowjetischen Osteuropa-Politik setzte er diesmal nicht. Immerhin versuchte er bei seinen Bädern in der Menge – die Bewunderung der Bürger für seinen Reformkurs zu einer Versöhnung mit der tschechoslowakischen Bevölkerung zu nutzen. Und von den Pragern, deren traditionelle Russenfreundlichkeit nach der Okkupation 1968 in Feindschaft umgeschlagen war, schallten ihm Rufe entgegen wie: „Weitermachen!“ und: „Michail, bleiben Sie hier, wir möchten Sie länger haben.“

Ministerpräsident Strougal sah sich durch Gorbatschow offensichtlich am meisten bestärkt. Unmittelbar nach dessen Abreise erklärte er: „Wenn wir bei der Demokratisierung unserer Gesellschaft nicht allen die Gelegenheit dazu geben werden, die es mit diesem Land gut und ehrlich meinen, dann werden wir einen schicksalhaften Fehler machet. Wir müssen die Dinge und Zusammenhänge neu sehen. Wir brauchen mehr Offenheit und Aufrichtigkeit – und das in beiden Richtungen: von oben nach unten und von unten nach oben.“ csh