Von Manfred Sack

Womit Berlin auch die Augen auf sich ziehen wird, wenn Mitte Mai die Internationale Bauausstellung "richtig" eröffnet wird und sich auf ihrem Laufsteg das ganze große kunterbunte Sammelsurium der internationalen Architektur von heute drängeln wird: Das wahrscheinlich mutigste Experiment ereignete sich seitab im ehemals krisengeschüttelten Kreuzberg, ganz besonders da, wo sich die Hausbesetzer stark gemacht und die Polizei in Straßenschlachten verwickelt hatten. Unter den Selbstbau-Initiativen dort fällt besonders diejenige auf, die der Architekturprofessor Peter Stürzebecher mit seinen Kollegen Kjell Nylund und Christof Puttfarken inszeniert und nun zu Ende gebracht hat, zusammen mit zwölf Habenichtsen und ihren Partnern, seinen Bauherren. In einer Baulücke, die 1944 Bomben gerissen hatten, haben sie sich ihre Wohnstätten nach Kräften selbst gebaut: zwölf Holzhäuser übereinander in einem aus Fertigteilen zusammengesetzten Betonregal. Nein, daraus ist keine "Apfelsinenkisten-Architektur" geworden, sondern ein anspruchsvoller Bau, ein würdig erworbenes Erbstück der klassischen Moderne. "Wir kamen uns manchmal vor", sagt Peter Stürzebecher, "als turnten wir auf dem Hochseil." Kein Absturz. Es kann sein, daß nicht wenige neugierig sind, die gelungene Übung zu studieren.

Die Adresse: Admiralstraße 16. Links und rechts davon und gegenüber stehen verjüngte alte Verwandte, typische Mietshäuser der Jahrhundertwende, heruntergekommen, von wohnungslosen jungen Leuten okkupiert, instandbesetzt, schließlich legal und mit einfachsten Mitteln wieder bewohnbar gemacht, Zeugnisse kreativen Protestes – gegen das hier jahrelang mißachtete Menschenrecht des Wohnens. Ursprünglich war das eine blühende Großstadtgegend. Vorn wurde gewohnt, in den Höfen waren Werkstätten eingerichtet, so wie es für die "Kreuzberger Mischung" üblich war und hier auch noch ist.

Nirgendwo sonst in Berlin lebte man auch in einem so klassizistisch geprägten Stadtgrundriß, der, von Schinkel beeinflußt, auf dem Zeichentisch des preußischen Gärtners Peter Joseph Lenné entstanden war, hier in der Luisenstadt. Seine kunstvolle Anlage war nicht nur von großem ästhetischen Reiz, sie hat sich von jeher auch als überaus gebrauchstüchtig, als menschenfreundlich erwiesen. Die Admiralstraße, die am Rondell des Kottbuser Tores beginnt, trifft im Südwesten auf den Landwehrkanal; der beschreibt hier eine elegante Biegung, die die Straße, das Fraenkelufer, wunderbarerweise mitmacht.

Um ein Haar wäre dieses einprägsame Bild zerstört worden – zusammen mit dem gesamten Stadtviertel. Mitte der siebziger Jahre hatten die Behörden begonnen, eine zwei Jahrzehnte alte Planung zu vollstrecken. Sie wollten zwei Stadtautobahnen durch die Luisenstadt führen und sich da kreuzen lassen. Eine andere, das Fraenkelufer ersetzende Straße sollte quer durch den Admiralstraßen-Block geschlagen, das ganze Viertel schließlich niedergelegt und in der damals üblichen Art neu bebaut, genauer: kaputtsaniert werden.

Damit hatte das Elend begonnen. Grundbesitzer verkauften ihre wertlos werdenden Häuser an großmächtige "Sanierungsträger"-Gesellschaften, die ließen sie verrotten oder von Gastarbeiterfamilien zu Ende bewohnen. Der Widerstand, zu dessen Anführern der engagierte Kreuzberger Pastor Klaus Duntze gehörte, hatte erst nach Jahren Erfolg. Hier sah er so aus: Der südwestliche Teil des Admiralstraßen-Blocks blieb stehen, das Fraenkelufer erhalten; die IBA-Abteilung des Professors Hardt-Waltherr Hämer, die sich die behutsame Stadterneuerung vorgenommen hat, überzeugte den Senat, gewann schließlich auch die Instandbesetzer für die Mitarbeit, beauftragte Architekten mit einem Gutachten. So bekam das Quartier sein neues Gesicht: Im riesigen Hinterhof des Fraenkelufer-Runds, an der Südseite einer über hundert Meter langen Brandmauer, errichteten die Berliner Architekten Hinrich und Inken Baller einen fünfstöckigen, sich kapriziös gebärdenden Wohnblock von barockem Temperament; davor legten sie einen geräumigen Gartenhof an, stopften die Lücken im Blockrand mit zwei, im Erdgeschoß offenen "Torhäusern" und entwarfen obendrein da, wo Fraenkelufer und Admiralstraße aufeinandertreffen, einen markanten Eckbau. Sie hielten sich zwar an das traditionelle Bild, gaben ihm aber eine selbstbewußte Note. Sie bewiesen, daß sich den starren Regeln des sozialen Wohnungsbaus auch eine originelle Architektur abtrotzen läßt.

Das hatten auch Peter Stürzebecher und seine beiden Mitarbeiter im Sinn, wenngleich sie eine gänzlich andere Idee verfolgten: nicht ein formal aufwendiges Haus mit verhältnismäßig teuren Mieten, sondern unter denselben Bedingungen eines, für das die Bewohner nur etwa halb soviel zu bezahlen hätten. Das ließe sich in der seit vierzig Jahren offenen Baulücke Nr. 16 der Admiralstraße jedoch nur erreichen, wenn die künftigen Bewohner bereit wären, kräftig selber mit Hand anzulegen. Dem Architekten schwebte etwas Außergewöhnliches vor: ein mehrstöckiges, aus Holzhäusern bestehendes Haus, mitten in der Großstadt Berlin. Da das Baugesetz, um Feuersicherheit besorgt, in Berlin aber nur zwei-, anderswo höchstens dreistöckige Holzhäuser zuläßt, entwarf er ein "Wohnregal", ein Stahlbeton-Skelett, in dessen Fächer er seine Bauherren ihre Holzhäuser neben- und übereinander hineinbauen lassen wollte. Das Wohnregal fügte er aus Fertigteilen zusammen. Es besteht aus den seitlichen haushohen Brandmauern, in der Mitte aus dem U-förmigen, den Bau aussteifenden Treppenhaus und zwei Betonstützen-Paaren davor. Da hinein wurden die Betondecken wie Regalbretter eingelegt, eine über dem Erdgeschoß, je eine alle zwei Stockwerke darüber.