Von Hermann Glaser

In dem um die Jahrhundertwende erschienenen Buch „Das Liebesleben in der Natur“ von Wilhelm Bölsche, einem Apostel optimistisch-positivistischer Wissenschaftsgläubigkeit, findet sich die Schilderung eines zwischen rabenschwarzen Zypressen stehenden weißen Kirchleins, das der Autor als Symbol der verklungenen Zeit, noch hineinragend in die Tage des Fortschritts, begreift: die Glocke im Turm, grün vom Alter: „Sie klingt von der Liebe, die nicht von dieser Welt. Aber sieh schärfer hin. Das Kreuz, das von der Kuppel ins uferlose Wunderblau sich reckt, läuft oben in eine lange, verdächtige Spitze aus. Ein Blitzableiter! Die doppelte Versicherung der neuen Zeit: über dem Kreuz der Mystik der metallene Schaft, der den Himmelsstrahl bändigt mit der Erkenntnis der Physik, der Wissenschaft.“

Der Wilhelminismus ist eine Epoche transitorischen Bewußtseins. Besitzgier und Gewinnstreben geben den Takt an im Psychodrom des Kapitalismus: aber man möchte aufsteigen zu den Gipfeln des Idealismus. In den Laboratorien der Modernität, den Versuchsstationen von Technik, Industrie, Wissenschaft und Wirtschaft, wird das „Experiment Weltuntergang“ vorbereitet; aber faszinierender wirkt die Revolte der Künstler, vom schönen Schein der décadence umhüllt. Den Verlockungen der Boheme versucht blauäugige Stärke zu widerstehen; propagiert wird das Gute, Schöne und Wahre, das sich jedoch meist als Illusion oder Verschleierung von Realität erweist.

Geschichte wird zum Umzug: Man bewegt sich vom Gestern ins Morgen, von der „guten alten Zeit“ in eine ungestüm aufziehende, furchterregende Zukunft; auf diesem Weg führt man ein üppig ausgestattetes Arsenal von Traditionen mit sich, voller Hoffnung, sich mit Hilfe von historischen Versatzstücken im Werte-Vakuum einrichten zu können; das Erbe ist jedoch Trugbild – gerade dann, wenn es, veräußerlicht, auf das Piedestal prunkhafter Verehrung gestellt wird. Vorindustrielle Sozietät wird von den brutalen Mächten des Kapitalismus, die sich an Preisen und nicht an Werten orientieren, umgepflügt; die darunter Leidenden ziehen sich in die ver-rückten Gärten künstlicher Paradiese zurück (wie sie zum Beispiel Richard Wagner in seinen Opern synästhetisch beschworen hat). Die „Menschheitsdämmerung“ des Ersten Weltkrieges beschließt mit „Sturz und Schrei“, was als Projekt des Fortschritts begonnen hatte.

Einen wichtigen Beitrag zur Ergründung dieser Epoche, deren Antinomien und Dichotomien bis heute weiterwirken, leistet eine Dissertation, die nun als Buch erschienen ist. Es handelt sich um ein Werk, das die bei universitären Leistungsnachweisen oft anzutreffende Stoffhuberei meidet, statt dessen das höchst umfangreiche Material – die Anmerkungen, Quellenhinweise und die Bibliographie füllen einen Ergänzungsband von 133 Seiten – souverän disponiert und reflektiert:

Martin Doerry: Übergangsmenschen. Die Mentalität der Wilhelminer und die Krise des Kaiserreichs; Juventa Verlag, Weinheim 1986; 197 S., 24,– DM; Ergänzungsband 24,– DM (Gesamtpreis der beiden Bände: 44,– DM).

Ausgangspunkt der Untersuchung sind zeitgenössische Autobiographien. Die Wilhelminer hatten ein großes Mitteilungsbedürfnis. Die Psychoanalyse von Sigmund Freud nutzte dies: Freuds Überzeugung, daß jede Gesellschaft einem umfangreichen Menschen gleiche, bestimmt Doerrys Methode. Über 500 Lebensläufe zieht der Verfasser heran, um ein Bild der damals vorherrschenden Ideologien und mentalen Strukturen zu zeichnen.