Einer dieser grieseligen Abende auf dem platten Lande. Im Fernsehen läuft nichts, und Tschernobyl tut ein übriges: Der Saal hinter der Gaststube, sonst für Grünkohlessen des Sparklubs und Lotto-Nachmittage reserviert, ist gerammelt voll. Es geht um die radioaktive Bedrohung im Drei-Akw-Eck, in dem das Landvolk von den Atommeilern Brokdorf, Brunsbüttel und Stade eingekesselt lebt. Veranstaltungsmotto meist: Abschalten!

Man kennt sich. Wie immer strömen die Menschen auch noch nach zwanzig Uhr, und wie immer wundern sich die Veranstalter über den regen Zuspruch und müssen nun Stühle organisieren. Der Kellner blickt nicht mehr durch, noch nie hat er soviel Mineralwasser herantragen müsen. Der Wirt freut sich, obgleich ihm die Jungschützen natürlich lieber wären.

Nachdem eine Anti-Raucherin ihre Bitte vorgebracht hat, nicht mehr zu qualmen, senken sich die Blicke der potentiellen Lungenkrebskandidaten. Sie haben sich alle noch schnell eine angesteckt, weil sie wissen, was hier auf sie zukommt, und nun inhalieren sie wenigstens diese eine noch. Dann kommen wir zum „Inhaltlichen“.

Der Referent zeigt über den Dia-Projektor ein Atommodell. Den erprobten Anti-Akw-Veranstaltungsbesucher befällt darob eine bleierne Müdigkeit, die sich steigert, sobald (Dia zwo) die Isotope das Atom umschwirren. Bei der Erklärung, wie die einzelnen Reaktortypen funktionieren (Dia drei ff) fallen den ersten die Augen zu. Vielleicht meditieren sie aber auch in Erwartung der Highlights des Abends.

Deren erstes besteht meist in dem Auftritt eines veritablen Landtagsabgeordneten von der SPD oder (besser, aber seltener) der CDU. Der berichtet von den Katastrophenplänen (Jodtabletten, Aktentasche auf dem Kopf, Radio einschalten) und erzielt damit erste Heiterkeitserfolge.

Zweiter Höhepunkt: der obligate Atomkraftbefürworter. Er moniert, daß sich alle erst nach Tschernobyl um die Radioaktivität gekümmert hätten, obgleich auch „schon vorher diese ‚Beckerells‘ in der Luft waren“. In Bayern sogar mehr als hier oben, und „sind die Bayern etwa davon totgegangen?“ Wenn wir in den Urlaub fliegen, sei die Strahlenbelastung größer als der Outfall nach dem russischen GAU, behauptet er, und die Uhr am Handgelenk sei auch gefährlich, so gesehen. „Wenn wir keinen Strom mehr hätten – ja, da lachen Sie natürlich wieder so dummerhaftig – dann wäre aber bei Ihnen auch Schluß mit dem warmen Toast am Morgen. Und mit den Arbeitsplätzen.“

Was er eigentlich mitteilen möchte, kommt nicht immer an. Es folgt aber in jedem Falle gemurmelte Zustimmung aus der Ecke der Jungen Union und das Kopfnicken einiger Männer, die wohl tatsächlich einen Job durch das benachbarte Kraftwerk gefunden haben. Mißfallensäußerungen und Lacher auf der Gegenseite. Schon ist der schönste Streit um „Beckereils“, Niedrigstrahlung und Gutachten über Alternativenergie im Gange. Gegen elf Uhr sind sich alle einig: Die jeweils anderen können nur gekauft oder als Lobbyisten in den Saal eingeschleust worden sein.