Gabbo Mateen: „Brautnacht“

Das sind keine lyrischen Spruchbänder, die nach dem Wind einer gängigen Mode flattern: „Ich erinnere mich nicht/ Mehr was dich betrifft/Macht mich kalt aus/ Läßlicher Begierde/ Verlor ich/ Auf der Suche/ Nach dir mich/ Am Ende/Waren die Gefühle/ Ungeräumig .. .Zärtlich und todes-/ Artig litten wir/ Aneinander vorbei.“ Dem Gequassel neudeutscher Flapsigkeit über Beziehungskisten und -knatsch setzt der vierzigjährige Gabbo Mateen seinen Gedichtband „Brautnacht“ (Hersbrucker Bücherwerkstätte, Hersbruck 1986; 36 S., 35,– DM) entgegen; zudem ist das ein sorgfältig gefertigter Handpressendruck mit dem Charme des Altmodischen, den Gerhard Loos mit Linolfräsungen ausgestattet hat. Kräftige Pointen braucht diese Poesie nicht, weil sie von sinnlichen Erfahrungen und von sprachlicher Konzentration lebt, Ohne sich in amourösem Hokuspokus oder im verbalen Dunkel zu verlieren, schreibt Gabbo Mateen (der übrigens sein erstes Buch 1970 gemeinsam mit Friederike Roth veröffentlichte) seine Verse für geübte Leser: „Du hattest die Herbstzeitlose überstanden/ Ich bin da schweig mit mir wir sind/ Guter Hoffnung begreif mich/ Leg dich ganz auf meinen Mund.“ Wer bei diesem Autor und geduldigen Literaturförderer in der fränkischen Provinz nun erotischen Eskapismus vermutet, der täuscht sich. Gabbo Mateen ist immer noch das alte Schlitzohr mit dem Rilke-Herz.

Werner Hornung

Pier Paolo Pasolini: „Der Atem Indiens“

Pier Paolo Pasolini reiste 1961 zusammen mit Elsa Morante und Alberto Moravia nach Indien. „L’Odore Dell’India“ hieß sein im Jahr darauf in Italien erschienener essayistischer Bericht, der nun auf deutsch erschienen ist. In der hervorragenden Übersetzung von Toni Kienlechner ist „Der Atem Indiens“ (Verlag Beck & Glückler, Freiburg 1986; 133 S., 19,80 DM) mehr als die Schilderung einer Tour durch die exotische Welt – was beim Leser jedoch zwiespältige Gefühle hervorruft. Zum einen wird man gefangen von der Erlebnisstärke Pasolinis, die die analytische Durchdringung der Phänomene in poetische Bilder zu kleiden vermag, zugleich wird man abgestoßen von der Überheblichkeit des parakolpnialen Blicks eines Ethnologen, der die Bewohner des Gastlandes wie die unterentwickelte Spezies eines Naturvolkes beschreibt.

Es ist schon erstaunlich zu lesen, mit welcher Arroganz der Regisseur des „Accatone“, der Autor der „Ragazzi di vita“, der leidenschaftliche Chronist des sottoproletariato in den von Armut und Gewalt beherrschten italienischen Vorstädten seine Einsichten in eine sich ihm erst langsam erschließende, jahrtausendealte Kultur zu formulieren versteht. Da heißt es als Diktum: „Jeder Inder ist ein Bettler“; die muslimischen Inder, die Sikhs, sind partout von undurchsichtiger Schläue, während die freundliche Sanftheit der Hindus hervorgehoben wird.

Aber der Ärger über diese Peinlichkeiten wird wettgemacht durch die Intensität, mit der sich Pasolini dem Lebensatem dieser fremden Welt aussetzt, durch seine Sucht nach Berührung, die freilich nie zu einer Begegnung unter Gleichen führt. Was in den Vororten Roms möglich ist, wo soziale Schranken durch vitale Kraft eingerissen werden können, scheitert an der klaglosen Passivität der indischen Menschen, die ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen verhindert. „Immer, wenn man in Indien jemanden zurückläßt,“ so Pasolini, „hat man das Gefühl, einen Sterbenden oder einen Ertrinkenden auf einem Wrack zu verlassen.“