Tokios geschönte Zahlen verschleiern die Konjunkturkrise

Von Helmut Becker

Seit zwei Jahren predige ich unserem Regierungschef, daß wir eine Politik verfolgen müssen, als befänden wir uns im Notstand“, beschwerte sich Susumu Nikaido letzte Woche öffentlich über Japans Regierungschef. Dann klagte der ehemalige Vizepräsident der regierenden LDP: „Aber Premier Nakasone hat immer nur genickt, die Hände in den Schoß gelegt und uns so in die Krise geführt.“

Japans einfallsstarkem Mann, dem gefeierten Premier Yasuhiro Nakasone, am Zeug zu flicken, gehört heute selbst für Spitzenfunktionäre seiner eigenen Partei zur Pflichtübung. Als Krisenmanager ist der Premier inzwischen dermaßen in Verruf gekommen, daß ihn seine Parteifreunde beim Wahlkampf für die Kommunalwahlen am letzten Sonntag dringend ersuchten, von öffentlichen Auftritten abzusehen. Der Wähler mache ihn verantwortlich für den heißen Handelskrieg mit Washington und London, den rapiden Anstieg des Yen und das befürchtete Ende des japanischen Wirtschaftswunders.

Am vergangenen Sonntag erlitt die LDP prompt eine Wahlschlappe, „die das Ende der Politik Nakasones besiegelt“, wie die Tageszeitung Asahi Shimbun meint. Daß sich nach dem Ende der Ära Nakasone alles zum Besten wenden wird, wagte das Blatt dagegen nicht zu hoffen: „Es gehört zum Stil der LDP, sich stets auch bei wichtigsten Sachfragen so ambivalent auszudrücken, daß man sie mißverstehen muß.“

Das sind neue Töne in Japan, wo es bisher üblich war, die Mißverständlichkeit der eigenen Handels- und Wirtschaftspolitik ausschließlich der Begriffsstutzigkeit des Auslands anzulasten. Das Umdenken kommt nicht von ungefähr: Während die Wirtschafts-Supermacht Japan in die bisher schwerste handelspolitische Kontroverse mit den USA verstrickt ist, wird der Koloß daheim von Untergangsvisionen gepeinigt. „Unsere Industrie kann nicht überleben, wenn der Dollar unter die Marke von 140 Yen sinkt“, sorgte sich das Handelsministerium in Tokio, das im Ausland gefürchtete Miti. Von dieser Krisenmarke ist Japans Währung seit dem Weltfinanzgipfel der letzten Woche in Washington nur noch zwei Yen entfernt.

Aber nicht nur der Yen steigt in nie erreichte Rekordhöhen. Auch die Bedrohung durch den Handelskrieg nervt Japan. „Unsere Politiker warnen die USA vor wachsendem Anti-Amerikanismus“, berichtete die Tageszeitung Yomiuri Shimbun ihren Lesern nach dem Scheitern japanischer Versuche in Washington, den angekündigten US-Strafzoll für Elektroimporte aus Japan auszusetzen. Die USA blieben hart. Das Wall Street Journal kommentierte die Konfliktlage: „Seit Japan sich vom Schwergewicht zum Monster wandelt, sind harte Bandagen angemessen.“