Von Bruni Huy

Ein bißchen Mut gehört dazu, an Bord dieses Schiffes zu gehen. Die kutterähnliche Behelfsfähre, die jetzt noch friedlich im Hafen von Bluff liegt, überquert eine der rauhesten Meeresstraßen der Welt: Foveaux Strait. Selbst seefeste Naturen kapitulieren spätestens dann, wenn sich der obligatorische Dieselgeruch des Schiffes mit dem Aroma von gebratenen Zwiebeln aus der Bordküche vermischt. Ganze zwei Stunden dauert die einem Opfergang ähnliche Überfahrt nach Stewart Island, der drittgrößten neuseeländischen Insel im äußersten Süden.

Wer mit dem Flugzeug anreist, hat es besser. Er landet in Oban, dem einzigen Ort von Stewart Island und hat gleich die Half Moon Bay zu Füßen liegen. Die Sonne scheint hier nur sehr gelegentlich. Nebel und Regen sind das normale Wetter, aber die 450 Insulaner haben gelernt, damit zu leben. Außerdem regnet es auf dieser Insel nicht permanent, sondern nur an durchschnittlich 255 Tagen im Jahr...

Mit eleganten Lederkoffern kommt keiner auf Stewart Island an. Rucksäcke sind das gängige Gepäck, mal modisch aktuell in bunten Farben und über die Schulter gehängt, mal schwergewichtig den Rücken krümmend, je nachdem, wie viele Tracks bewältigt werden sollen. Ausgangspunkt der Touren ist zumeist das „South Sea Hotel“, wenige Schritte vom Hafen entfernt. Stolz bezeichnet sich Bruce Ford, der Besitzer des zweigeschossigen Holzgebäudes, als den „südlichsten Hotelier der Welt“. Bruce besitzt den einzigen Pub der Insel. Der langgezogene Raum ist für Fischer und Touristen der Nachrichtenumschlagplatz und der gesellschaftliche Mittelpunkt ihres Inselalltags. Das schale Bier wird in großen Krügen serviert, einkaufen kann man im urigen Krämerladen nebenan, und den neuseeländischen Kaffee – nur die Engländer kochen ihn gleich schlecht – gibt es an der Tankstelle, die zugleich als Informationsbüro für Touristen und Buchungsstelle für Flüge gilt.

Das Benzin wird noch zünftig aus Fässern in die Tanks gefüllt, und der beste Kunde ist der einzige Polizist auf der Insel mit seinem Geländewagen. Bei rund hundert registrierten Autos und einem Straßennetz von zwanzig Kilometern sind dem Verbrauch natürliche Grenzen gesetzt. Für einen höheren Umsatz sorgen dagegen die Betreiber der Generatoren, denn an die Elektrizitätsversorgung der Südinsel ist Stewart Island noch nicht angeschlossen. Deshalb brummt’s in Oban mit seinen 200 Häusern ganz ordentlich bis kurz vor Mitternacht.

Etwa zwei Kilometer außerhalb von Oban ist die Zivilisation zu Ende. Wer hier weitergeht, ist in der Regel mehrere Tage unterwegs: Zehn Tage werden durchschnittlich für den North-West-Circuit, den Rundkurs im erschlosseneren Nordteil der Insel, veranschlagt. Ungefähr 25 Kilometer Luftlinie ist die Long Harry Bay von der Half Moon Bay und damit von Oban entfernt. Und mehr als 700 Kilometer muß derjenige gehen, der die gesamte Küstenlinie gesehen haben will. Der größte Fehler, den Wanderer machen können, ist, die Größe der Insel zu unterschätzen; der zweitgrößte Fehler: mangelhafte Ausrüstung. Ohne gutes Schuhwerk geht gar nichts auf den von häufigen und heftigen Niederschlägen aufgeweichten Buschpfaden der hügeligen Insel. Vor den schlimmsten Ausrutschern an besonders glitschigen Stellen sollen mit Maschendraht beschlagene Holzbohlen bewahren. Gut gemeint, aber beschwerlich: Die unterschiedlichen Abstände zwischen den Holzsprossen lassen keinen einheitlichen Marschrhythmus zu.

Trotz Südsee-Appeal ist der North-West-Circuit kein Spaziergang, auch nicht für trainierte Wanderer. Zwar bieten im Abstand eines Tagesmarsches kärglich ausgestattete Hütten Unterschlupf, aber verlassen sollte sich keiner darauf. Gerade in der Hauptsaison, im Dezember und Januar, wenn es auf manchen Track-Etappen fast wie auf überfüllten Autobahnen zugeht. Nur das eigene Zelt sorgt dann für ein regenfestes Dach über dem Kopf.