Westeuropa sinkt in der Gunst der Kongreßveranstalter. Dies hat eine Untersuchung der Union of International Associations (UIA) ergeben. Obwohl sich danach die Zahl der Kongresse zwischen 1960 und 1985 insgesamt beinah verdoppelt hat, ging im gleichen Zeitraum der Anteil Europas am weltweiten Tagungsgeschäft um fast zehn Prozent zurück. Am meisten profitiert haben davon Nordamerika, Ostasien und der Pazifikraum.

In Europa sind derzeit die Briten die Marktführer, sie richten pro Jahr rund 600 große Konferenzen aus. Fast gleichgezogen haben die Franzosen, Paris ist Europas begehrtestes Tagungsziel. Die einheimische Konkurrenz zur Metropole sitzt an der Côte d’Azur. Gleich zwei Städte, Nizza und Cannes, haben trotz aller Nachfrageprobleme seit dem Beginn der achtziger Jahre mit voluminösen Palästen kräftig geklotzt für den Messe- und Kongreßtourismus.

Noch liegen Nizzas Glas- und Betonburg „Acropolis“ und Cannes Convention-Center am Alten Hafen neben der Croisette tief im Schatten von Paris. Beide haben nämlich ein Handikap: Die Wintermonate lassen sich selbst am milden Mittelmeer nur schwer verkaufen, und zwischen Juli und September läuft gar nichts im Tagungsgeschäft, dann ist an der Côte Hochsaison. Aber von den Reichen und den Schönen allein können – und wollen – beide Städte längst nicht mehr leben. Nizza beispielsweise, mit 400 000 Einwohnern die Hauptstadt der Region, existiert heute nur mehr zu 50 Prozent vom Fremdenverkehr. Rund 15 000 Industriebetriebe haben sich mittlerweile hier niedergelassen.

Trotzdem gelten die größten Investitionen nach wie vor dem Tourismus, schließlich wollen immerhin 10 000 Gästebetten ausgelastet sein. Daß die Stadtväter dabei anstelle der traditionellen Urlauber mehr und mehr die Tagungsbesucher hätscheln, hat naheliegende Gründe. „Der Normaltourist gibt nur 500 Franc pro Tag aus“, rechnet Josiane Gain vor, die Verkaufsleiterin des Tagungszentrums „Acropolis“, „ein Incentive- oder Kongreß-Reisender hingegen läßt pro Tag bis zu 2000 Franc in der Stadt.“ Kein Wunder, daß für die spendable Kundschaft auch nichts teuer und schön genug ist: 650 Millionen Franc (knapp 200 Millionen Mark) hat der Bau des „Acropolis“ verschlungen, das erst vor zwei Jahren seine Portale geöffnet hat. Das monumentale Gebäude direkt gegenüber dem 1955 fertiggestellten Messegelände ist denn auch zu einem avantgardistischen Haus der Superlative geraten, mit einer Gesamtfläche von 54 000 Quadratmetern auf fünf Etagen. Dort können 4500 Besucher gleichzeitig tagen.

Besonders extravagant ist die Technik des „Acropolis“, 16 Sprachen bewältigt zum Beispiel die Simultan-Übersetzungsanlage. Sogar eine eigene Audio-Video-Abteilung mit Rundfunk- und Fernsehstudios steht zur Verfügung. Das Auditorium „Apollo“ mit seinen 2500 Sitzplätzen nennt Europas größte Bühne sein eigen. Die Küche gehört zu den schnellsten der Welt: 5800 Mahlzeiten kann sie pro Tag zubereiten. Und noch ein Rekord: In der Eingangshalle hätte die Kuppel des Hotels „Negresco“ mühelos Platz.

Ganz in Blau ist der Eingang gehalten, um Wohlgefühl zu vermitteln. Denn selbst die fröhliche Farbkomposition des Interieurs folgte wissenschaftlichen Gesichtspunkten: Die Farbe Lila dominiert im Arbeitsbereich, Rot leuchtet in den Bankettsälen als „Farbe der Festlichkeit“. Bei 60 Millionen Franc (etwa 18 Millionen Mark) pro Jahr liegen die Betriebskosten für die verschwenderische Pracht.

Nach dem Willen des Bürgermeisters sollen auch Nizzas Bewohner etwas davon haben. Für sie ist das „Acropolis“ zusätzlich als „Palais der Künste“ konzipiert. Oper, Konzerte und Vernissagen locken die Einheimischen an – sie zahlen schließlich auch mit. Die Gemeinde trägt den Kapitaldienst fürs Haus, gibt überdies jährlich 30 bis 40 Millionen Franc Zuschüsse für den Betrieb. 1995 freilich, so lautet die kommunale Vorgabe, soll sich das Zentrum dann selbst finanzieren. Da kommt ein ordentlicher Brocken Arbeit auf das Management zu. Nach zwei Jahren liegt nämlich die Auslastung bei aller Rechenkunst gerade eben um die fünfzig Prozent.