Frankfurt: „Hannsjörg Voth – Zeichen der Erinnerung.“

War es nicht doch J. R. R. Tolkiens „Herr der Ringe“, der am Beginn der siebziger Jahre unsere Neugier für synthetische Mythen weckte? Lenkte nicht er zuerst unseren Blick aus einer Zukunft, der die Utopien sichtlich vergrauten, zurück in eine nie gewesene Vergangenheit, aus deren Dämmer es auf einmal verlockend funkelte? Die siebziger Jahre bescherten dem Leser und Kinogänger mit der Fantasy-Welle und dem Kunstpublikum die „Individuellen Mythologien“ – deren Protagonisten verschwanden aber schon bald wieder im Wirbel der wilden Malerei. Ihre Werke und Projekte nährten die Einbildungskraft mit Fragmenten aus der Archäologie, aus der Vor- und Frühgeschichte und C. G. Jungschen Archetypen. Die ewige Seinsfrage hallte für kurz im Kunstbetrieb wider: Wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehen wir?

Den Rhein hinunter schickte Hannsjörg Voth auf einem Totenfloß eine riesige, verhüllte Gestalt, aufgebahrt auf einem Katafalk, vorbei an Loreley und Domen, Hochöfen und Kraftwerken, um sie vor Rotterdam, auf offener See, zu verbrennen. Im Ijsselmeer hauste er, für Monate ein Eremit, in einer Pfahlbau-Pyramide, und meißelte ein Boot aus Stein – es versank, nachdem starker Eisgang das Pyramidenhaus umgerissen hatte, zu früh. Auf dem Schloßberg über Freiburg führen die Sprossen einer Leiter hinaus ins Unendliche über der Münsterstadt, und in der weglosen Wüste Marockos sind es die Lehmstufen einer dreieckigen Rampe, an deren Ende metallene Flügel auf Ikarusstürze harren. Hannsjörg Voth plant seine Rituale gewissenhaft und mit der organisatorischen Beharrlichkeit eines Christo. Wie dieser auch entwirft er seine Projekte in schönen Zeichnungen, akkurat und frei, baut er Modelle für seine Vorhaben, läßt die Momente seiner vergänglichen Aktionen photographisch dokumentieren – eindrucksvolle Zeichen der Erinnerung. Sie sind jetzt allesamt im Deutschen Architekturmuseum zu einer Werkschau versammelt. Erinnerung aber woran? Voth ist ein Synkretist: Er vermischt die Überlieferungen und die Formen – hier sind es Megalithgräber und die archaische Astronomie von Stonehenge, dort sind es Zikkurat und Pyramiden im Zweistromland und am Nil, dann wieder Kenotaph und Nekropolen vergessener Kulturen. Der Tod vor allem, der Übergang, sie fesseln Hannsjörg Voth; ihnen weiht er Stätten und Male, erfindet er Riten, die das Vergängliche der Existenz in die Unvergänglichkeit des Kosmos binden, das Ich auflösen in die Elemente Erde, Feuer, Wasser, Luft. Ein fernes metaphysisches Wetterleuchten scheint mit diesen Gestalt gewordenen (oder Entwurf gebliebenen) Beschwörungsformeln auf. Verwunderlich nur, wie stark sie einen unwillkürlich anrühren. (Deutsches Architekturmuseum bis 27. Mai, Katalog 38 Mark)

Manfred Schuchmann

Frechen: „William Copley“

Wenn eine Galerie Einladungen ohne Glanzpapier und Farbabbildungen verschickt, eher schmucklos zusammengefaltet, schwarzweiß, Werkdruck, so ist das keine schlechte Methode, auf sich aufmerksam zu machen. Wenn mit solch lässigem Chic auch noch Künstler und Themen annonciert werden, die nicht überall auftauchen im Kunstbetrieb, verfehlt die Einladung mit Wandzeitungseffekt ihre Wirkung nicht. Man fährt mal hin zur Galerie von Jule Kewenig in Frechen. Wo das ist? Ziemlich einfach: Zu stillen Zeiten im Rheinland in zwanzig Minuten von Köln aus erreichbar, Autobahn vier, Richtung Aachen. Frechen, Ortsteil Bachem, Haus Bitz, Mauritiusstraße. Das ist dann leicht zu finden, denn ein zweites, aus ruinösem Zustand frisch erblühtes kleines Herrenhaus aus dem 18. Jahrhundert findet sich weit und breit nicht. Der Backsteinbau mit Wassergraben ist ein ideales und ein ausgefallen schönes Gehäuse für Gegenwartskunst: elegant in den Proportionen und Materialien; ideal, weil die Architektur sich hier fein zurückhält und den Blick offenläßt für Bilder und Zeichnungen, auch für Skulpturen und Objekte. Diesmal heißt die Botschaft William Copley.

Auf der Titelseite der Einladungszeitung ist eines der Gemälde des 1919 geborenen Amerikaners festgehalten: Zwei Akte im Boxring, ein Paar. Und während sich dahinter die Menge der Zuschauer in ein leichtes Flächenornament verwandelt hat – jeder leere Kopf ein heller Punkt im graphischen Maschenwerk – sind die Boxhandschuhe im Liebeskampf zu Herzen geworden. Beileibe nicht verniedlicht, denn Copley mit dem Kind-Mann-Lächeln ist ein Maler von menschenfreundlicher Ironie, und seine Verkürzungen der menschlichen Gestalt wie seine Abschweifungen in die Arabesken des Lebens verdienen ernsthafte Betrachtung. Mit Copleys unverkennbarem bildnerischen Werk ist es wie mit seiner Signatur. Daß er bei seinem Namenszug das o wegläßt, macht diesen durchaus prägnant und daher irritierend: Man schaut zweimal hin. Copley lebt in New York, und zwischen frühen documentas und späteren Galerieausstellungen (etwa in Berlin und Köln) ist er hierzulande wohl bekannt, aber nicht präsent.