Großmächte sind kalte Monster, pflegte General de Gaulle zu sagen. In der Tat: Sie nehmen ihren Vorteil wahr, wo immer sie können, hauen sich gegenseitig übers Ohr und bespitzeln einander schamlos. Kommt derlei heraus, geben sie sich empört.

Jede Botschaft in Moskau rechnet damit, daß sie abgehört wird; die „Wanzen“ sind überall. Daß die Sowjets auch den Neubau der US-Botschaft mit Mikrophonen durchseuchen würden – wen durfte es überraschen? Einer der Washingtoner Architekten, die am Bau der neuen sowjetischen Botschaft in Amerikas Hauptstadt mitgewirkt haben, hat jetzt enthüllt, daß die Amerikaner es umgekehrt kein bißchen anders machen.

Weshalb also der ganze Lärm? Zwei Erklärungen bieten sich an. Die Harmlosere: Die Amerikaner mußten sich einfach in einem Aufschrei Luft machen, nachdem herausgekommen war, wie ihre als Botschaftswachen eingesetzten Marines im süßen Nachtleben mit schönen Sowjetfräuleins – eine Hingabe ist der anderen wert – Fachleuten des KGB Zugang zum Allerheiligsten der Botschaft verschafften. Die weniger harmlose Erklärung: Wieder einmal, wie schon in der Daniloff-Affäre des vorigen Jahres, suchten Amerikas Konservative den Gesprächsfaden zwischen Washington und Moskau zu kappen. Nicht von ungefähr wurde die Sache kurz vor der Reise des US-Außenministers Shultz an die große Glocke gehängt. Sie gehört niedriger gehängt. Th. S.