Von Karl-Heinz Büschemann

Die einen mögen die ganz großen Entdeckungen dieser Welt gemacht haben, die Chinesen erfanden das Pulver, die Deutschen das Automobil. Akio Moritas Erfindungen sind dagegen eher klein – auch im wahren Sinne des Wortes. Der Mitbegründer der japanischen Sony Corporation, die diesen Namen nun seit dreißig Jahren als Markenzeichen führt, hat mit Kreationen wie dem Walkman, der Hifi-Anlage für die Westentasche und Spielern für die silbrig glänzenden Compact Disks, zuvor auch mit Transistorradios und mit Videorecordern, sein Unternehmen aus dem Nichts der Nachkriegszeit in die Weltspitze der Unterhaltungselektronik geführt. Durch diesen Aufstieg, aber auch weil Morita Sproß einer angesehenen Familie aus Nagoya ist, wurde der heute 66jährige mit dem schlohweißen Haar zur Institution in der eigenen 44 000 Mann starken Firma. Im gesamten Inselreich ist er eine Persönlichkeit, die etwas zu sagen hat.

Morita macht von dieser Ehre regen Gebrauch; Er ist ein gefragter Mann, denn Japan und die Japaner sind ein großes Thema. Der gefürchteten Wirtschaftsmacht im Osten weht zur Zeit auf praktisch allen Gebieten der Wind ins Gesicht. Japans Wirtschaft steht an einem Wendepunkt“, urteilt Katsutaro Kataoka, der Chef eines japanischen Elektronik-Unternehmens. Die erfolgreichen Eroberer der Weltmärkte für Photo-Kameras, Motorräder, Schiffe und Unterhaltungselektronik – den Weltmarkt der Silizium-Speicherchips für Computer haben sie mittlerweile auch schon zu fast neunzig Prozent erobert – „sind nicht mehr, was sie waren“, schreibt das US-Wirtschaftsmagazin Fortune.

Der dramatisch gestiegene Yen-Kurs hat die Exporte der japanischen Industrie 1986 um sechzehn Prozent heruntergedrückt. Die Gewinne der Unternehmen schrumpfen und die Produktion nahm erstmals seit elf Jahren sogar ab. Gleichzeitig finden sich die angeschlagenen Japaner am Pranger der Welt wieder. Klagen aus den USA und Europa, die aggressiven Japaner würden die Weltmärkte mit ihren Produkten zu Dumping-Preisen vollwerfen, ohne den heimischen Markt der hundertzwanzig Millionen Konsumenten für ausländische Konkurrenten zu öffnen, sind derzeit an der Tagesordnung und münden dann meist auch in konkreten Androhungen von Schutzzöllen gegen die ungeliebten Japan-Produkte.

Der Sony-Patriarch sieht die Dinge längst nicht so dramatisch und zeigt keinerlei Bange um die wirtschaftliche Zukunft seines Landes. Dennoch muß auch der erfolggewohnte Morita eingestehen, daß Japan den wachsenden.politischen Druck nicht mehr lange durchhalten kann: „Die Situation ist kritisch geworden.“ Es muß sich etwas ändern, wenn Japan zum endlich geachteten Partner des Welthandels aufsteigen und nicht zum geächteten Aussätzigen werden will. Das weiß Akio Morita besser als viele seiner japanischen Managerkollegen. Denn kaum ein Unternehmen ist derart von ausländischen Kunden abhängig wie Sony, das siebzig Prozent seiner Umsätze außerhalb Japans macht – und 1986 praktisch nichts mehr verdient hat.

Wie wohl jeder Japaner findet Morita den Begriff „Handelskrieg“ nicht angemessen. Daß der japanische Regierungsvertreter Makoto Kuroda gesagt haben soll, die Amerikaner könnten zu jedem Preis Großcomputer in dem Inselreich anbieten, gekauft würden sie von öffentlichen Stellen dann doch nicht, das hält Akio Morita für eine ganz schlimm übertriebene Darstellung böswilliger amerikanischer Zeugen: „Das hat er so nicht gesagt.“ Sein anschließender Ausspruch bestätigt freilich das westliche Vorurteil von der engen Verzahnung von Wirtschaft und Politik in der Japan AG: „Er ist ein guter Freund von mir.“ So kommt es dann, daß ausgerechnet der Manager aus dem Lande der Harmonie den Politikern der kühl profitorientierten Vereinigten Staaten vorwirft, sie seien „oft sehr emotional“.

Trotzdem: Wenn sich Akio Morito einmal im Monat mit einigen Dutzend Industriemanagern und Politikern in Tokio zu einem von ihm ins Leben gerufenen Diskussionsfrühstück versammelt, dann rät er seinen Gesprächspartnern jetzt zu mehr Diplomatie. „In Verhandlungen müssen wir bescheidener sein und zurückhaltender.“