Stuttgart ist ein bedeutendes deutsches Wirtschaftszentrum und obendrein die Landeshauptstadt von Baden-Württemberg, zugleich aber auch eine Metropole ohne jenes halbwegs „weltstädtische“ Image, von dem Berlin, München und neuerdings sogar Frankfurt profitieren. Das ärgert die Schwaben schon lange und heute mehr als je: Denn sie haben erkannt, daß die Zukunft der wirtschaftlich miteinander wetteifernden Großstädte nicht nur vom Fleiß und der Tüchtigkeit ihrer Bürger abhängen wird, sondern auch von ihrer kulturellen Attraktivität und der „Urbanen“ Atmosphäre. Der kulturelle Wettstreit der Städte ist letztlich ein Streit um die besten Köpfe der Arbeitsgesellschaft. Wes’ Lied ich sing’, des’ Brot wird hier gegessen: das neue Motto der Kommunalpolitiker.

Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Lothar Späth, spielt in Stuttgart schon lange den Vorreiter, wenn es um eine zukunftsorientierte kulturelle Standortpolitik geht. Getreu der Devise Charles de Gaulles, daß die Zahlmeisterei der Politik zu folgen habe, erschreckt er den Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel gelegentlich mit hochfliegenden und kostspieligen Plänen zur kulturellen Aufrüstung der Stadt – und jenem bleibt dann oft nur noch die Rolle des Bedenkenträgers und Pfennigfuchsers. So auch diesmal: Das von Späth einberufene „Internationele Symposion zur musealen und städtebaulichen Entwicklung der Landeshauptstadt Stuttgart“ endete in der sinnvollen, aber ungefähr 180 Millionen Mark kostenden Forderung, die sogenannte Kulturmeile im Herzen Stuttgarts – eine gräßliche Stadtautobahn, die flankiert wird von Staatstheatern und der Stirlingschen Staatsgalerie, von der Landesbibliothek und dem Staatsarchiv – verkehrstechnisch zu verändern und in einen Boulevard zu verwandeln. Ein Tunnel solle den Durchgangsverkehr aufnehmen.

Den Tunnel müßte Rommel mitbezahlen, und deshalb beeilte er sich auch, gleich abzuwinken. Keine Einwände haben die sparsamen Stuttgarter allerdings gegen die auf dem Symposion diskutierten Pläne, mit Geldern des Landes neue Museen zu bauen und alte zu erweitern: Die Staatsgalerie braucht schon wieder neue Räume, das Landesmuseum platzt aus den Nähten, die wichtige archäologische Sammlung mit dem Fürstengrab von Hochdorf sollte ein eigenes Haus bekommen; Späth wünscht sich obendrein ein regional orientiertes Architekturmuseum und sendet auch Lockrufe nach Berlin, um die Schätze des Kunstsammlers Erich Marx für Stuttgart zu gewinnen; zugleich plant er ganz zeitgemäß ein „Haus der Geschichte“.

Fünf prominente Museumsleute und neun renommierte Architekten und Stadt- und Landschaftsplaner diskutierten das „Wo“ und „Wie“ dieses gigantischen Museums-Monopolys. Zur Debatte stand einerseits die Frage, ob einige Ministerien im Stadtzentrum Platz für Museumsdependancen machen sollten – etwa im „Neuen Schloß“; andererseits die weitreichende städtebauliche Entscheidung, neue Kulturbauten konzentriert oder dezentral ins Stadtbild einzufügen.

Wenig Scheu, das zwischen Verkehrsschneisen, Punktbauten und Schloßparkgrün zerfließende Stadtbild Stuttgarts mit üppigen Bauwerken neu zu fassen, bewiesen der Brite James Stirling, der sich als Architekt der Neuen Staatsgalerie in Stuttgart gut auskennt, und Luc Tessier, der Koordinator der „Grands Projets“ in Paris. Stirlings Konzept: ein Kanal auf der „Kulturmeile“ mit Pavillons und einem Campanile gegenüber der Alten Staatsgalerie; ein neues Museum an der Rückfront des Neuen Schlosses, gleich neben dem moderneleganten Landtag; Kolonnaden für den Schloßplatz, der ebenfalls ein bißchen aus den Fugen ist. Das Projekt ist ein ironischer Kommentar zu den Vorstellungen der teilweise in Ehren ergrauten Symposionskollegen aus dem deutschsprachigen Gebiet: Sie setzten auf „Offenheit“ statt Dichte, auf Dezentralisation, sprachen vom „Architektengarten“ und wichen mit ihren Plänen gerne auf die Grünflächen des mittleren Parks aus – Städtebau nicht für das Zentrum, sondern für seinen Rand.

Tessier missionierte für die Idee des „Grand Louvre“. Er möchte das Neue Schloß untertunneln, den Schloßhof unterirdisch mit Publikum beleben und das Gelände der ehemaligen Carlsschule auf der Rückseite des Schlosses neu bebauen; der Komplex soll dann die „Kulturmeile“ überbrücken und auf die Landesbibliothek stoßen.

Utopien? Spinnereien? Wo die einen vielleicht zu weit gingen, blieben die anderen zu weit zurück. Eins jedoch ist sicher: Stuttgart hat jetzt Diskussionsstoff. Der Anspruch, eine Kulturmetropole zu werden, ist gestellt; und das ist schon der erste Schritt, ihn einzulösen.

Christian Marquart