Von Heinrich Böll

"Rom auf den ersten Blick" – so lautet ein Band mit Landschafts- und Reiseeindrücken von Heinrich Böll, der demnächst im Lamuv-Verlag erscheinen wird. Neben verstreut erschienenen Aufsätzen und Reiseskizzen enthält das Buch auch eine Reihe bisher unveröffentlichter Briefe, die der zur Wehrmacht "eingezogene" Dreiundzwanzigjährige von den verschiedenen Fronten an die Eltern, die Geschwister und an Annemarie Çech schrieb, die er im Kriegsjahr 1943 geheiratet hat. Wir veröffentlichen hier einige dieser Briefe zum ersten Mal.

Bromberg, den 16. Juli 1940

Die Landschaft, soweit ich sie kenne, hat den fabelhaften Reiz absoluter Eintönigkeit; Sand, Gebüsch, Nadelwäldchen und dieses kleine, schmuddelige Flüßchen, die Brahe. Die Stadt ist da, wo sie einen deutschen Eindruck macht, zum Teil vom Gepräge der Maternusstraße, oder etwa so wie die Roonstraße (also eine von Bäumen umsäumte Maternusstraße). In manchen Straßen haben die Häuser flache Dächer und dunkelgraue, verwaschene Fassaden, das wirkt sehr östlich, fast so, wie ich mir eine russische Großstadt vorstelle; die drei oder vier Hauptstraßen dagegen sind äußerst bunt und großstädtisch; unheimliche polnische Huren, die allen Charme Frankreichs mit den Reizen der Halbwildheit vereinigen (...)

Ausgesprochen polnische Viertel habe ich bisher noch nicht entdeckt, obwohl ja die Bevölkerung bekanntlich 90 Prozent polnisch ist. Die Volksdeutschen (...) sind äußerlich vom Schlage Zevens (daher die Sympathien), wenigstens die, die man ohne Hakenkreuzabzeichen als Deutsche erkennt; die anderen haben oft den unverkennbaren östlichen Blick oder irgendeinen anderen polnischen Einschlag; die meisten von ihnen tragen wenig dazu bei, den Aufenthalt hier sympathischer zu machen; im übrigen werden sie alle, soweit sie Geschäftsleute sind, steinreich; zweifellos wäre es nicht eben begeisternd, wenn alle 120 000 Einwohner von dieser Sorte wären.

Von den Polen weiß man, daß sie Fremde sind und uns nicht Freund sein können, und damit ist die Lage klar; sie machen alle einen sehr niedergedrückten Eindruck, aber hinter der Schwermut ihrer Augen, die wie ein Niederschlag ist, lauert der Haß und ein toller Fanatismus, der zweifellos wilder als je wieder aufflackern würde, sobald etwa drei Wochen kein Militär mehr hier wäre; dann würde aber keiner von den Volksdeutschen mehr übrigbleiben. Man sieht ganz deutlich in ihren Augen, daß dieses Volk prädestiniert ist zur Revolution, und es wird einem klar, daß sie noch lange nicht die Hoffnung aufgegeben haben, einmal wieder frei zu werden; manchmal sieht man an einer kleinen Kirche, in einer Haustür oder am Ufer des trüben Flüßchens eine Gestalt, die in ihrer phantastischen Armut, in ihrer abgründigen Trauer und der schlummernden, verhaltenen Leidenschaft wie ein Sinnbild vom Schicksal Polens ist. Die Mentalität der Volksdeutschen kann ich nur nach den Physiognomien und nach der Sprache beurteilen, aber das genügt ja auch vollkommen, danach schlage ich vor, unser Urteil nicht, nur zu intensivieren, sondern nach höchstmöglicher Intension endgültig zu fixieren. (...)

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