Von Stefan Stremel

Augsburg

Im Grunde steht eine Idee vor Gericht, die Idee einer durchgehenden Autobahn von Flensburg bis Mailand, einer Direttissima zwischen Nord und Süd. Nur zum Teil ist die Idee zu Beton geworden. Daß sich die Richter des Augsburger Verwaltungsgerichts derzeit mit einer ganz speziellen Lücken-Theorie beschäftigen müssen, hat mit dem Platzen dieser Träume zu tun und mit 16, noch nicht gebauten, Kilometern der Autobahn A 7.

Betroffene Bürger, Gemeinden, Verbände, ein Landkreis und eine Jagdgenossenschaft – insgesamt 168 Kläger laufen Sturm gegen die Strecke zwischen Nesselwang und Füssen. Das sei, so die Kläger, nicht die Verbindung zwischen zwei fertiggestellten Teilstücken, sondern nur die Verlängerung einer Sackgasse. Längst ist nämlich bekannt, daß die vierspurige Bahn abrupt an der deutsch-österreichischen Landesgrenze enden wird. „Wir betrachten das Wort Lückenschluß längst als Anachronismus“, betont deshalb der Münchner Rechtsanwalt Christian Sailer, erprobter Streiter gegen Projekte wie den Münchner Großflughafen, als Vertreter des Bundes Naturschutz. Die Nachbarländer Österreich und Italien haben bereits vor Jahren signalisiert, sie würden die ursprünglichen Autobahnpläne, die auch einen Tunnel unter dem Ortlermassiv in Südtirol vorsahen, keinesfalls verwirklichen. Sie fürchten zudem, der bereits zur Plage gewordene Transitverkehr werde sich durch eine neue Autobahn noch verstärken.

Wird gebaut wie geplant, geht wertvolles Ackerland verloren, müssen Schneisen in Wälder geschlagen und bis zu 20 Meter hohe Dämme gezogen werden. Dann werde, so argwöhnen viele Allgäuer, ihre Region zum gigantischen Stauraum für den von Norden anrollenden Verkehr verkommen. In Spitzenzeiten, so hat einer ihrer Gutachter errechnet, könnten sich Autoschlangen bis zu 50 Kilometer Länge bilden. Eine Vorstellung, die sonst eher bedächtige Landwirte in neuen Koalitionen mit Umweltschützern auf die Barrikaden treibt.

Die Bauvorhaben, die zum Großteil auf jahrzehntealten Planungen beruhen, sollen aber unbeschadet der geänderten Voraussetzungen verwirklicht werden. So wollen es die Straßenbaubehörden, so hat es auch die Regierung von Schwaben in einem Planfeststellungsbeschluß abgesegnet. Die Autobahngegner, die das ökologisch bereits stark belastete Allgäu neuen Bedrohungen ausgesetzt sehen, werfen den Planern vor, sie hielten stur an einmal formulierten Ideen fest, die letztendlich auf überholten Verkehrsschätzungen basierten. Ein den Plänen zugrunde liegendes Verkehrsgutachten sei in seinen Schätzungen bereits von einer verwirklichten A 7 ausgegangen und habe den zu erwartenden Verkehr hochgerechnet, ohne jemals in einer sogenannten Nullprognose das Aufkommen ohne Autobahn ermittelt zu haben. „Ein klassischer Zirkelschluß“, so einer der von den Gegnern mobilisierten Experten.

Viele Allgäuer sehen sich in einem Dilemma: Schon heute ähneln manche Orte entlang der Hauptrouten gen Süden in Urlaubszeiten und an verkehrsreichen Wochenenden überdimensionalen Standspuren. Eine angeblich entlastende vierspurige Strecke werde nur noch zusätzlichen Verkehr nach sich ziehen. Und das zu einem hohen Preis. Knapp 200 Hektar Wald, Ackerboden sowie Moor- und Streuwiesen verschlingt die derzeitige Trassenführung. Der Bund Naturschutz präsentierte, vor allem um die stark vom Durchgangsverkehr geplagten Orte Nesselwang und Pfronten zu entlasten, eine Alternativplanung. Die vornehmlich zweispurige Lösung käme fast mit dem halben Flächenbedarf aus. Damit wäre sie kaum noch attraktiv für den LKW-Verkehr, der, so die Naturschützer, „das Ende der Erholungsgebiete Ostallgäu und Nordtirol bedeuten würde“.

Ob später das Allgäu unter die Räder der Laster kommen wird, hängt jetzt von der Entscheidung der Augsburger Richter ab. Für den Bau plädieren zumeist weiter nördlich ansässige Politiker, wie der CSU-Bundestagsabgeordnete und Verkehrsexperte Karl Heinz Lemmrich. Seine Parteifreunde vor Ort sind jedoch anderer Meinung. „Wir fordern, daß der Weiterbau der A 7 sofort gestoppt wird“, erklärte der CSU-Ortsverband Maria Rain. Und die Junge Union Oy-Mittelberg hält das Vorhaben schlichtweg für „verantwortungslos“. Karl Poppler, Bürgermeister des „staatlich anerkannten Erholungsortes“ Hopferau, dessen Gemarkung auf sieben Kilometer Länge durchschnitten würde, stellt klar: „Wir nehmen die A 7 unter keinen Umständen hin.“