Erst kurz vor dem Ende seiner Sechstagereise durch Argentinien hat der Papst das moralisch-politisch brennendste Thema des Landes berührt: das Schicksal der unter der Militärdiktatur Verschwundenen und Ermordeten.

In seiner Rede zum Welttag der Jugend forderte der Papst am Sonntag in Buenos Aires, „... daß es niemals mehr Entführte und Verschwundene (desaparecidos) leben darf, keinen Haß und keine Gewalt, und daß die Menschenwürde immer respektiert wird“. In keinem der 25 Rede- und Predigttexte war die jüngste böse Vergangenheit erwähnt worden, und kein Ortsbischof hatte das Thema in den nach Rom geschickten Entwürfen angeschnitten, denn die Mehrheit des argentinischen Episkopats hatte in jenen Jahren, als die regierenden Militärs fast 10 000 Menschen verschwinden und ermorden ließen, geschwiegen.

Inzwischen sitzen die verantwortlichen Generale im Gefängnis, doch das Parlament hat ein Gesetz verabschiedet, das Anklageerhebung wegen Menschenrechtsverletzungen von Polizei und Militär nur bis zum 22. Februar ermöglichte. In die heftige Debatte über diesen punto final wollten die Bischöfe den Papst auf keine Weise hineinziehen, weil sie selbst auch einen Schlußpunkt hinter das peinliche Thema setzen möchten (lieber bekämpfen sie die Pläne des Präsidenten Alfonsín zur Einführung der zivilen Eheschließung und Scheidung). Sogar Vertreter argentinischer Menschenrechtskommissionen, die dem Papst begegnen wollten, wurden nicht vorgelassen, und Nobelpreisträger Perez Esquivel sprach bitter von einer kirchlichen Verschwörung des Schweigens.

Im letzten Augenblick bemerkte der Papst das Versäumnis und packte das heiße Eisen an – nicht, um die Gemüter einer halben Million junger Menschen zu erregen, die ihm am Wochenende zujubelten, sondern um „zur nationalen Versöhnung“ aufzurufen. Dieser Begriff ist in Argentinien, wenn auch anders als in Chile, umstritten, weil ihn manche mit einer Amnestie verwechseln.

Der Papst, der die Ehescheidung im selben Atemzug mit Terrorismus und Folter nannte, hätte sich nicht zu scheuen brauchen, die neue Demokratie des Landes deutlicher als er es tat zu ermutigen. Immerhin fügte er, kurz bevor er zu den Bischöfen des Landes sprach, ins Manuskript seiner Rede einige Sätze ein, die jene Minderheit von Oberhirten würdigten, die gegen die Gewalt protestiert hatte.

Da kam dann sogar Kardinal Primatesta, der Vorsitzende der argentinischen Bischofskonferenz, nicht mehr um ein Sündenbekenntnis herum; erst in letzter Minute fügte auch er es in seine Abschiedsrede an den Papst ein, gab „Schwächen und Sünden“ der Bischöfe zu, machte jedoch dafür – den Teufel verantwortlich...

Hansjakob Stehle (Buenos Aires)