Von Christa Melchinger

Sie beschreibt nur, was sie kennt. Ihr erstes Buch veröffentlichte sie nach ihrer Pensionierung als Lehrerin; da war sie schon über sechzig: Maria Beig – eine starke, eigenwillige „Neuerscheinung“ in unserer Literatur. Ihren Roman „Rabenkrächzen“ (1982) begrüßte Martin Walser: „Uns hat ein Gotthelf gefehlt und ein Laxness und ein Giono. Jetzt haben wir Maria Beig.“ Aber Walser wußte auch: „Sie stammt überhaupt nicht aus der Literatur.“

Beigs Prosa hat keinerlei Prätention. Sie ist weit entfernt von dem durch den Fernsehfilm provozierten Trend zur „Heimat“. Maria Beig verdient es nicht, verniedlichend „Heimatschriftstellerin“ genannt zu werden, obwohl die Welt, die sie beschreibt, nur die eine ist, die sie kennt: Oberschwaben. Aber es ist nicht nur das Land, das Beig zum Schreiben drängt, es sind auch die Leute, die dort leben, wo sie aufgewachsen ist und lange gelebt hat, ehe sie – spät – zur Feder griff.

Dennoch ist keine Subjektivität im Spiel. Das Lakonische, wie Walser selbst es nennt, fasziniert ihn: Schmucklosigkeit, Nüchternheit, Konzision, ein Stil ohne „Stil“, der dennoch unverwechselbar Stil ist.

Der erste Roman, der die Geschichte von vier Höfen erzählt, weist noch eine Art Konstruktion auf. Die Menschen, die auf den benachbarten Höfen leben – von oben nach unten, von den Hügeln über die Hänge zu den Bächen und Mooren bis zum See –, sind integriert: Sie treten nicht hintereinander auf, sondern miteinander. Es ist unsere Zeitgeschichte, die da erscheint, vom Anfang bis zum Ende des Jahrhunderts: die Vorkriegszeit, in der noch die alten Sitten und Bräuche lebendig waren; der Erste Weltkrieg, der vieles veränderte; die Nöte der ersten Nachkriegszeit, aber auch ihr „Fortschritt“, Maschinen, Technik, Arbeitslosigkeit; dann Hitler, den manche zuerst begrüßen, die sich dann von ihm abwenden; die Nöte der zweiten Nachkriegszeit; mancherlei Wohlstand.

Auch das zweite Buch, „Hochzeitslose“ (1983), wird „Roman“ genannt – fälschlich. Es ist keine zusammenhängende Erzählung. Eher könnte man von vier Romanen sprechen: vier Lebensgeschichten von Frauen. Hier haben wir auch den Beweis, daß weder die Beschreibung der Landschaft noch die der Bauern der Antrieb war. Was hier vorgeht, ist in anderen Landschaften genauso gewesen. Von den Hauptfiguren stammt eine auch gar nicht aus dem Land; eine andere ist eine „Großbürgerliche“. Nein: Es mußte einfach berichtet werden.

In diesem zweiten Buch, das ohne Konstruktion auskommt, hat Maria Beig ihre Sprache gefunden: „Nichts auf der Welt scheint zwei Sätze wert zu sein. Aber einen Satz ist alles wert.“ (Walser) Es versteht sich fast von selber, daß in diese Sprache zuweilen Mundartliches einfließt (was dann in rührenden Fußnoten „übersetzt“ wird), aber es hat nichts zu bedeuten.