Können Gedichte im Zeitalter der künstlichen Zeichensysteme verhindern helfen, daß uns Hören und Sehen vergeht? Dies scheint jedenfalls zu den wichtigen Aufgaben zu gehören, die Walter Helmut Fritz seiner Poesie aufgetragen hat: in einer technikvernarrten Epoche die sinnliche Wahrnehmung zurückzuerobern. Nur durch die Konzentration auf das scheinbar Alltägliche, Unsensationelle, dem halbbewußten Blick Verborgene kann aber im Herrschaftsbereich der künstlichen Bilder die Wahrnehmung zurückgewonnen werden. Selbst „das kleinste Fragment der Natur“, so wird im Motto des Gedichtbandes der Romantiker Clemens Brentano zitiert, fordere die ungeteilte Aufmerksamkeit des Dichters, also die ruhige und strenge Anschauung, heraus. In eine Poetik übersetzt hieße dies: Die Dinge sind im Gedicht so ins Licht zu rücken, daß sie gleichsam von sich aus zu strahlen beginnen.

So begreifen sich die 59 Gedichte und Prosagedichte, die Walter Helmut Fritz in seinem neuen Buch „Immer einfacher, immer schwieriger“ (Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1987; 80 S., 20,– DM) versammelt, als eine Schule der Wahrnehmung: „Unerhört einfach werden“, heißt es programmatisch in einem Prosagedicht über einen toten Freund, „wissen, daß nichts so unwahrscheinlich ist wie das, was sich ereignet“. Der Blick des lyrischen Ichs ruht auf alltäglichen Gegenständen („Der Kupferkessel“) oder zufällig beobachteten Szenen; kaum wahrnehmbare Bewegungen oder Geräusche werden registriert: der Sonnenaufgang, die „reglose Dämmerung“, die „vom Eis versiegelte“ Winterlandschaft, die aufflatternde Taube.

Fritz schreibt seit nunmehr dreißig Jahren eine „Poesie ohne Aufwand“, sparsam im Gebrauch von Metaphern, verhalten und lakonisch im Ton. Der Autor ist ein Spezialist in der Wiedergabe feinster Nuancen und Details. Den Anspruch seines Programms vermag Fritz immer dort zu erfüllen, wo er durch genaues Beobachten das Wesen der Dinge erschließt, wo er nur mitteilt, was durch seine sinnliche Erfahrung verbürgt ist. Hier verbinden sich auch die lyrischen Wahrnehmungen organisch mit Reflexionen über die Zeit, die Vergänglichkeit und das Schreiben.

Zuweilen deutet allerdings das Ich dieser Gedichte seine Erfahrungen nicht nur gleichnishaft aus, sondern verschenkt die präzise Beobachtung an globales Räsonnement. Es sind dann eher plane Kalendersprüche als scharfsinnige Pointen, in die solche Gedichte auslaufen: „Vieles, fadenscheinig geworden, ging den Bach hinunter, vieles, was unmöglich schien, ist doch geschehen, hat sich ausgewachsen.“ Die stille Lakonie und gesuchte Einfachheit kippt, wie hier im Titelgedicht des Bandes, um in unfreiwillige Banalität.

Michael Braun