Der sowjetische Erzähler Andrej Bitow und sein zyklisches Werk

Von Helen von Ssachno

Bei den „Begegnungen“ der Berliner Festwochen 1986 las nach Jewtuschenko und Wosnessenskij der dreiundvierzigjährige Andrej Bitow auch aus seinem Roman „Das Puschkinhaus“. Das Buch, 1983 in deutscher Übersetzung erschienen, ist in der Sowjetunion bis heute nur auszugsweise veröffentlicht. Bitow hatte Erfolg: Ein Run auf die Buchläden setzte ein, obwohl der Autor seine Zuhörer mit solchen Sätzen gewarnt hatte: „Wir werden versuchen, diesen Begriff mit vielen, vagen Wörtern einzukreisen ..., also müssen wir diese Geschichte ein zweites Mal erzählen.“ Doch was in Berlin begeisterte, erwies sich zunächst als Hindernis bei der Rezeption.

„Das Puschkinhaus“ hatte nämlich keinen Erfolg. Die Kritik schwankte zwischen Verriß (Spiegel) und Anerkennung (FAZ). Einig waren sich die Tadelnden und Lobenden, daß es sich um ein schwieriges, zum Teil unzugängliches Werk handelte. Das verschreckte die Leser; ihnen wurde doch geboten, wonach man sich in der Sowjetunion gerissen hätte: die Bekanntschaft mit einem Buch, für das man zwar einen langen Atem braucht, das einen aber auch reich belohnt.

Die Bekanntschaft mit der Welt des Andrej Bitow war bereits 1980 um einiges müheloser und amüsanter möglich gewesen. Damals brachte der Bertelsmann-Verlag Bitows Erzählungsband „Die Rolle“ heraus. Vier der fünf Erzählungen („Die Tür“, „Der Garten“, „Die dritte Erzählung“ und „Der Wald“) haben ein- und denselben Helden, so daß man von einem Roman in Fortsetzungen sprechen kann. Dieser Alexej Monachow, den Bitow dem Leser zuerst „als jungen, dann doch nicht mehr ganz so jungen Mann“ vorstellt, „der sich im Rollenverhalten übt“, ist als Bruder jenes Ljowa Odojewzew aus dem Nobelgeschlecht der Fürsten Odojewzew im „Puschkinhaus“ zu betrachten. Im Unterschied zu Musils „Mann ohne Eigenschaften“ könnte man ihn als „Mann der Möglichkeiten“ bezeichnen. Seine Lebensgeschichte wird vom Autor immer wieder neu eingekreist, in widerspruchsvollen Varianten und Versionen dargestellt, ohne Unterlaß berichtigt, bis nichts als Wahrnehmungen von Möglichkeiten übrigbleiben.

Worin „übt“ sich Alexej Monachow? In der Liebe, könnte man sagen. Die wird als Zerfallsprozeß der Gefühle durch Gewöhnung, sexuelle Trivialisierung und frivoles Rollenspiel geschildert. Dabei hat alles unschuldig begonnen: Der junge Aljoscha verliebt sich in die erfahrene Assja, die sich einen Spaß daraus macht, ihn schmachten und leiden zu lassen – was er später selber meisterhaft zu besorgen versteht. Am Anfang der Liebe steht als Metapher der Illusionen Bitows „Wintergarten“, in dem Aljoscha seine Assja nach der verpatzten Silvesternacht in jünglingshaftem Liebestaumel umarmt, während sie mit ihren Gedanken bereits woanders ist. In Aljoschas-Erinnerung aber sieht das so aus: „Er versuchte sich etwas anderes vorzustellen ... einen wunderbaren Garten. Sie saßen auf der Gartenbank, vor ihnen breitete sich eine unberührte Schneefläche aus, ohne jede Fußspur. Aber das war nicht sonderbar, denn sie hatten die Bank nicht über den Gehweg erreicht, sie waren von hinten, im Schnee versinkend, auf die Bank zugegangen. Der Schnee lag so gleichmäßig auf dem Gartenweg, als sei er aus der Erde gewachsen wie weißes Gras ... Doch das Wichtigste im Garten waren die Bäume. Beim Anblick der dunklen, warmen Stämme und – weiter oben – der Äste, Zweige, Wipfel, Blättchen, meinte man, daß die Bäume nicht einfach bereift oder mit Schnee bestreut waren, nein: die Zweige und Äste schienen selber aus Schnee zu sein ... Und sie beide: vor ihnen war der Gartenweg, aus dem der Schnee herausgewachsen war, herausgesprossen, während sie hier saßen – aber sie hatten immer hier gesessen, wie die riesengroßen, uralten Bäume mit den dunklen, warmen Stämmen ..., die schon immer hier gestanden hatten ...“

In der letzten Erzählung gibt es zwar keinen „Garten“, wohl aber einen „Wald“, von dem Aljoschas todkranker Vater sagt, daß er eine mystische Gemeinschaft bilde: „Stell dir einen Wald vor, Aljoscha“, sagte der Vater, „gesetzt den Fall, es stirbt ein Baum ... Einen Tag später ist der Baum bereits verdorrt. Die Wissenschaft stand vor einem Rätsel. Dann stellte sich heraus, daß der Baum, wenn er stirbt, seine Säfte dem Wald gibt.“