Die Politik macht Ferien. Der politische Apparat in Bonn ist nur noch in Rudimenten vorhanden. Wer eine Auskunft haben will, wird an die Stellvertreter verwiesen oder an die Stellvertreter der Stellvertreter. Nach dem Endspurt vor der Bundestagswahl, dem schwierigen Anlauf zur neuen Legislaturperiode und dem Drama in Hessen wurden die Osterferien zum willkommenen Anlaß für einen Massenexodus.

Kanzler Helmut Kohl kurt mit dem Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger in Bad Hofgastein und geht nicht mehr der Politik, sondern seinen Pfunden zu Leibe. Kanzleramtsminister Schäuble, Regierungssprecher Ost, sogar Eduard Ackermann, der aus dem Kanzleramt die engsten Kontakte zu den Journalisten knüpft – sie alle sind in Urlaub. Und sie alle eint das schöne neue Regierungsgefühl: Die Luft ist raus, jetzt kann uns so schnell nichts mehr passieren.

Mindestens ebenso entschlossen macht die FDP Ferien. Wirtschaftsminister Bangemann hängt an seine Kanadareise freie Tage an; Fraktionsvorsitzender Mischnick reist nach der offiziellen Visite in der DDR privat im anderen Teil Deutschlands; Generalsekretär Haussmann und der Parteisprecher Mahling sind aus Bonn verschwunden. Sogar Außenminister Genscher gönnte sich eine für seine Verhältnisse ungewöhnlich lange Mittelamerikareise. Immerhin kehrt er diese Woche zurück, um zu Hause auszuspannen. Für ihn allerdings gilt: Ob Reise oder Urlaub – er läßt Bonn nie aus den Augen.

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Auch die SPD-Führung ist ziemlich vollständig von der Bonner Bühne verschwunden. Die Hoffnung freilich, daß damit auch die Diskussion in der Partei für eine Weile zur Ruhe kommen werde, scheint sich nicht zu erfüllen. Die Zeitung Einheit der IG Bergbau und Energie (der Gewerkschaft mit der konservativsten sozialdemokratischen Tradition) hat einen mächtigen Böller losgelassen.

In einem Kommentar zur Hessen-Wahl attackiert das Blatt eines der letzten Symbole sozialdemokratischer Geschlossenheit: die Nürnberger Beschlüsse. Vor allem das Konzept zum Ausstieg aus der Kernenergie wird zerfleddert. Die Botschaft aus dem Ruhrpott: „Die von führenden Sozialdemokraten vielgerühmten Nürnberger Beschlüsse ihrer Partei scheinen auf die Wählermehrheit eher eine abschreckende Wirkung zu haben ... Solange deshalb die Nürnberger Beschlüsse fast schon wie eine Monstranz vor der Partei hergetragen werden, wird es um die Mehrheitsfähigkeit der SPD schlecht bestellt bleiben.“

In einer seiner letzten Pressemitteilungen vor dem Osterurlaub erklärte der designierte SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel, die Partei müsse ihre Politik „auf der Grundlage der Nürnberger Beschlüsse stärker als bisher als ihre eigene unverwechselbare Identität darstellen“. Für Konflikte in der SPD ist gesorgt.