Einer will zum Theater. Er nimmt nicht das Taxi, die U-Bahn, den Jet. Seine Reise ist keine, die man aufgeben, abbrechen, umbuchen könnte. Es geht um Leben und Tod, und beide haben denselben Namen: Theater.

Einer will zum Theater. Es gibt nur einen Weg dorthin: zu Fuß. Die Reise zum Theater wird eine Wanderschaft quer durch Deutschland, eine mühselige, schmerzensreiche Wallfahrt. Hunger, Durst und blutende Füße. Manchmal die nackte Verzweiflung, die Welt eine "furchtbare Wüste".

Nur das Trugbild am Horizont, die Fata Morgana "Theater" hält unsern Reisenden am Leben. Und ein Stück Schwarzbrot oder ein paar rohe Wurzeln genügen, und sein Jammer verwandelt sich in jauchzende Euphorie: "Das Wandern ward ihm nun so leicht, daß der Boden unter ihm eine Welle schien, auf der er sich hob und sank, und daß er so von einem Horizont zum andern sich fortgetragen fühlte ..."

So wandern, so reisen wir heute nicht mehr, nicht einmal mehr zum Theater. So reisen wir nicht mehr, wie Anton Reiser gereist ist, in Karl Philipp Moritz’ großem Theaterroman (1785-1790). Gerührt sind wir schon, wenn wir in den alten Schriften blättern – aber dann legen wir das Buch rasch beiseite und ergötzen uns wieder an den neuesten Jeremiaden über die allerneueste Theaterkrise. Und bleiben seufzend zu Hause, weil kein Theater mehr uns in die Ferne lockt. Und warten und erinnern uns.

Das Theater braucht die guten Theater (und die schlechten braucht es wahrscheinlich auch). Von beiden Sorten gibt es derzeit etliche. Aber das Theater braucht auch jene Bühne, die mehr ist als ein gutes Theater: die Mythenstätte, den Wallfahrtsort.

Einst hatten wir so ein Theater. "Die Schaubühne der 70er Jahre", schreibt Andres Müry in Theater heute, "war keine moralische Anstalt, kein Institut der Aufklärung, sie war ganz einfach: unser Gral."

Zu den Gesetzen des Grals gehörte es, daß der Eintritt mit Entbehrungen, Schmerzen, Bußübungen verbunden war. Man fror im eisigen Olympiastadion bei Grübers "Winterreise". Man malträtierte sein Rückgrat bei Steins "Orestie". Man lernte die theatralische Sitzfolter in wirklich sämtlichen Spiel- und Abarten kennen. Man litt und litt gerne – und rühmt sich heute des Leidens. Denn wie jeder Reisende will auch der Theaterreisende stolz sein dürfen auf die heroisch ertragenen Strapazen.