Johann Sebastian Bach: „Das wohltemperierte Klavier“

Ist András Schiff, das phänomenale Klaviertalent ungarischer Herkunft, ungeachtet des von ihm bewältigten übrigen Repertoires ein genuiner Bach-Spieler der Zukunft? Die soeben mit dem zweiten Teil des Bachschen Präludien- und Fugen-Kompendiums abgeschlossene Gesamtedition, aber auch die gleichermaßen in Konzert und Schallplattenstudio nahezu vollständig interpretierten Standardwerke legen eine solche Vermutung nahe. Die Beschäftigung mit jener Musik geht bei dem 1953 geborenen und heute in London lebenden Ungarn weit zurück. Noch während des Studiums an der Budapester Liszt-Akademie drängte es den Sechzehnjährigen zum Cembalo-Idol George Malcolm nach England. Doch widersetzt er sich dessen puristisch-strenger Orthodoxie heute gleich doppelt: mit der Wahl des modernen Konzertflügels wie mit der stilistischen Anknüpfung an die romantische Bachtradition. Sie sucht sich im Spannungsgefüge der Vorbilder (Walter Gieseking, Edwin Fischer, Friedrich Gulda, Swjatoslaw Richter und Glenn Gould) eine manchmal noch über sie hinausgehende eigene Kontur. Zuweilen geschieht das reichlich bedenkenlos, obwohl es am perlenden Non-legato, an der hohen Phrasierungskultur wie am Willen zur klaren linearen Zeichnung nichts zu bemängeln gibt. Allerdings akzentuiert Schiff den Gang der Hauptstimmen zuweilen so sehr, daß das kontrapunktische Beiwerk nicht selten Schaden nimmt. Trotz der fundierten Kenntnis und erstaunlichen Beherrschung im Spielvermögen erscheint manches zu beiläufig angelegt. Ein Bach-Interpret von hohen Graden und mit Zukunft, wenn ihm derlei Korrekturen gelingen. (Decca 414 388/417 236)

Peter Fuhrmann

Peter Gabriel: „So“

Auf dem schnellebigen Rock-Markt ist sie eine Ausnahme: Peter Gabriels letzte Langspielplatte, die noch immer von sich reden macht, die noch immer etwas zu entdecken gibt. Allmählich und nacheinander erklimmen seine Songs die Hitlisten, „Sledgehammer“ war oben, „Don’t give up“ auch, nun ist „Big time“ en vogue. Alles andere als Eintagsfliegen sind die Titel der Schallplatte „So“, sie wirken langsam, weil sie den nicht eben verwöhnten Rock-Fan unserer Tage fordern und sich erst nach mehrmaligem Hören ganz erschließen. Allenthalben wird Regression der Rockentwicklung spürbar, wird eine mehr als zwanzigjährige musikalische Entwicklung mehr und mehr zurückgenommen; Peter Gabriel ist einer der ganz wenigen dieses Genres, die mit dem angehäuften musikalischen Material etwas anzufangen wissen. Er geht so souverän damit um, daß es nie „als-ob“ klingt, immer originell ist, was er komponiert, und er dabei stets populär bleibt, nie in avantgardistisches Außenseitertum abrutscht. Seine Musik hat ein ebenso vielschichtiges Publikum, wie es einst die Beatles hatten. Er hat den großen Atem, die große Sehnsucht, die wir aus der Anbruchzeit des Rock her kennen, auch darin ähnelt er den Beatles. Seine klangliche Originalität ist kein Selbstzweck, sie vermittelt eine moderne Empfindsamkeit ohne Nebel, ohne Rausch, nackt und trostlos. „Mercy street“: eine künstliche Idylle, der Friede der erfüllten Träume, eine traumlose, todesmüde Welt ohne Notausgang. Plastikvögel singen von grellbunten Styroporbäumen herab ihr trauriges Lied. (Virgin 207 587-630) Martin Ahrends

Aribert Reimann: „Troades“

Krieg ist Wahnwitz: Kassandra, die Schreckensbotin, der nie geglaubt wird, singt diesen mahnenden Satz ihren trojanischen Mitbürgerinnen und uns ins Gewissen. Werden wir wieder nicht auf sie hören? Der trojanische Krieg ist zu Ende, die Männer wurden getötet, die Frauen versklavt, die Stadt ist angezündet, der Königserbe Astyanax, ein Knabe noch, von der Stadtmauer in den Tod gestürzt: Nichts ist geblieben als die Möglichkeit zu trauern. Werden wir den großen antiphonierenden und respondierenden Klagegesängen der vier Frauen Hekabe, Kassandra, Andromache und Helena oder den reflektierenden Chorblöcken aufmerksamer zuhören als den Friedensmahnern draußen, damals in Bonn und heute in Mutlangen oder Wackersdorf? Welchen politischen Effekt kann eine Schallplatten-Kassette von einer Oper haben, die schon bei der Uraufführung (7. Juli 1986) sich gefallen lassen mußte, daß ihr Appell-Charakter hinter einem, aufwendigen Styropor-Theater-Hellenismus verschwand, daß ihre Mahnungen in dem Smalltalk einer Opernfestspiele-Schickeria untergingen? Was muß, umgekehrt, ein Komponist denn noch unternehmen, wenn er seinen Kommentar formulieren möchte zu dem, was er den „Geist unserer Zeit und den Zustand, in dem wir uns befinden“, nennt? Aribert Reimanns Opern sind nie frontal und direkt diesen Geist, diesen Zustand angegangen, sondern immer in der literarisch-musikalischen Chiffre: „Es ist schade um den Menschen“. Er hat stets hinter dieser resigniert-einsichtigen Erkenntnis den letzten Hoffnungsgedanken behalten, ein Sich-Aufbäumen eines Lyrikers, der zwar in heftigen Dissonanzen aufschreit, aber lauter nicht werden kann. Aus Mitschnitten bei Proben, bei der Premiere und folgenden Aufführungen (auch das ist die Realität der Oper in Deutschland im allgemeinen und der zeitgenössischen im besonderen: drei Aufführungen, Wiederaufnahme erst nach einem Jahr) haben EMI und der Bayerische Rundfunk eine Fassung erstellt, die einerseits die phänomenalen Leistungen von Helga Dernesch (Hekabe), Doris Soffel (Kassandra), Carmen Reppel (Andromache) und Cyndia Sieden (Helena) dokumentiert, die Expressivität ihrer Lamenti, die Virtuosität ihrer Koloraturen, die Innerlichkeit der langen Linien und die Brillanz in der Intonation surrealistischer Sprünge; die von der großen Ruhe des Dirigenten Gerd Albrecht getragen ist, der die verqueren Verschachtelungen im Orchester von Linien mit komplizierten Intervall-Strukturen und Akkorden mit dichtesten Tonballungen effektiv steuert; die schließlich die Sorgfalt überliefert, mit der der Frauenchor vorbereitet war. Die aber eben auch erkennen läßt, daß mehr als ein Mitschnitt nicht drin war: Die klangliche Balance zwischen Bühne und Orchestergraben, vor allem zwischen – den Sprechstimmen und der Orgel im Prolog ist absolut nicht den medienspezifischen Anforderungen einer Konserve gerecht. Krieg ist Wahnwitz – wir sollten alle ein Exemplar der „Troades“ kaufen und es an jene verschenken, die sich, im Pentagon oder auf der Hardthöhe, Gedanken machen darüber, daß wir doch Abschreckungspotential brauchen, wenn alle Mittel- und Kurzstrecken-Raketen. (EMI 27 0512 3) Heinz Josef Herbort