Die Seligsprechung Edith Steins erinnert an Versäumnisse der Amtskirche

Von Hansjakob Stehle

Rom, im April

Von der verkrampften Vorfreude, der Premieren-Stimmung, ist diesmal kaum etwas zu spüren – weder am Rhein noch in Rom. Die zweite Deutschlandreise des Papstes, Anfang Mai, ist nicht mehr wie sein erster Besuch vor sechseinhalb Jahren umwittert vom Wagnis, im "Lande Luthers" aufzutreten und sich auf unsichere Bewunderer wie auf erregte Kritiker einzustellen. Inzwischen hat sich beider Verhältnis zu Johannes Paul II. etwas entspannt.

Und doch könnte es geschehen, daß die Deutschen durch diesen Besuch auf andere Art herausgefordert werden, aufgerüttelt aus jener moralischhistorischen Denkfaulheit, die sich in letzter Zeit so manches politische und akademische Alibi verschafft hat. Der polnische Papst wird seine Gastgeber zwar nicht in "Bitburg"-Verlegenheiten stürzen; er wird auch nicht das ehemalige Konzentrationslager in Dachau besuchen (wo von 1939 bis 1945 Tausende seiner Landsleute, darunter 858 Priester, aber auch 94 deutsche Priester starben). Er wird vielmehr die Deutschen und ihren Katholizismus auf eine ganz traditionell-katholische Weise mit den Abgründen ihrer jüngsten Vergangenheit konfrontieren: Durch feierliche Seligsprechung – in Köln und München – einer in Auschwitz ermordeten jüdischen Nonne, der Karmeliterin Edith Stein, und eines volkstümlichen, in Gefängnissen und Lager geschundenen Widerstands-Predigers, des Jesuiten Rupert Mayer.

Beide Ordensleute lassen sich als Opfer der Hitlerherrschaft nicht einfach in die Klischees selbstgerechter Vergangenheitsbewältigung einfügen. Sie haben auch in der Amtskirche, die sie jetzt ehrt, Verklemmungen und Verlegenheiten zum Bewußtsein gebracht.

"Tiefe Dankbarkeit gegen den Staat, der mir das akademische Bürgerrecht und damit den freien Zugang zu den Geisteswissenschaften der Menschheit gewährte" – solchen heute schwer nachvollziehbaren Obrigkeitsrespekt empfand die Studentin Edith Stein, geboren 1891, vor dem Ersten Weltkrieg. Betont preußisch-deutsch gesinnt war man in der Familie des Breslauer jüdischen Holzkaufmanns; bei der Hochzeit der Eltern war die patriotische "Wacht am Rhein" gesungen worden.