Von Sibylle Zehle

In der Hotelhalle ist sie tief über eine Opernkritik gebeugt, in der sie bereits in der zwölften Zeile Erwähnung findet. „Schauen Sie, hier: Kostüme von Frieda Parmeggiani.“ Dann rutscht ihr Zeigefinger nach und nach über die beiden großen Zeitungsseiten, die ganzen 642 Druckzeilen entlang. Sie hat eine auffallend kleine, wächsern scheinende Hand, schnell streicht sie über die Rheingold-Abschnitte hinweg, hält bei der Walküre-Passage zögernd inne, rutscht, schlägt schon, über die Siegfried-Sätze. „Es ist, wie es fast immer ist“, sagt sie und schlägt gleich nach dem Götterdämmerungs-Finale geräuschvoll die Zeitung zu, „eine Bewertung des Kostümbildners findet nicht statt. Dabei ist das eine Wahnsinnsarbeit.“

Ihre schönen Augen mustern mich streng. Sie hat etwas von einer Rächerin. Schwarz von Kopf bis Fuß, die Haare über der Stirne aufgetürmt, dunkelbraun mit Flammen von Hennarot. Dabei bin ich total unschuldig. Niemals zuvor haben mich Opernkostüme so fasziniert wie beim Münchner Ring.

Fricka, in strengem rotem Samt, die eine Schulter nackt, majestätisch und mondän zugleich; oder Gutrune in Silberlamé, eine laszive Art deco-Figur, schmal und biegsam wie eine Lilie. „Brillant gestaltet“ hat Joachim Kaiser die Kostüme der Parmeggiani genannt. Und bei diesem Zitat kommt sofort Wärme in ihre Augen. Sie giert förmlich nach Lob, nach Anerkennung, selbst in Nebensätzen. „Ein Verriß dagegen kann mich lähmen. Monatelang.“

Mit wehendem Chiffonschal schreitet sie durch die Drehtür auf die Straße. Ein Seidenrock aus den ersten Jahren unseres Jahrhunderts umspielt ihre Stiefel.

Wie zieht man Walküren an? „Genaue Vorstellungen habe ich zuerst nur vom Material. Ich bin ein Materialfetischist. Wenn ich es sehe, anfasse, rieche, kriege ich die Ideen. Erst daraus entwickelt sich die Silhouette. Die Walküren habe ich mir zum Beispiel immer in Bewegung vorgestellt, also flatternde Seide und, damit es theatralischer wird, Samt.“ Zuletzt wurden es Windsbräute in Motorradkluft, Todesengel im Domina-Gewand.

Frieda zieht Blicke auf sich. Ein nachtschwarzer Moire-Morgenrock aus den zwanziger Jahren fließt von ihren Schultern, läßt aber den Blick auf die dünnen Spitzen der Gründerzeit-Bluse über ihrem Busen frei und die in einen breiten japanischen Stretchgürtel eingeschnürte Taille. Die Kostümbildnern! malt nicht brav Figurinen auf Papier. Sie entdeckt und steckt, entwirft und entwickelt, probiert und drapiert am lebenden Modell. Hat sie, bei soviel Eigen-Willigkeit, häufig Zusammenstöße mit Bühnenbildner oder Regisseur? Sie sagt: „Mit Erich Wonder nie. Wir sind wie ein altes Ehepaar. Er läßt mich einfach machen. Ich lass’ das auch gar nicht zu, daß man mich im Berufsleben unterdrückt.“