Jähes Erschrecken, als der Nachrichtensprecher teilnahmslos verkündet, der auf Staatsbesuch in der Bundesrepublik Deutschland "weilende" Präsident des Landes Israel sei "mit militärischen Ehren" verabschiedet worden. War denn nicht eben gemeldet worden, Chaim Herzog habe sich bei dem militärischen Wortgeballere unseres Bayern-Herzogs Franz Josef, der sich gern als Lobbyist deutscher Waffenschmiede vernehmen läßt, die Ohren zuhalten müssen?

Doch nicht um den ehemaligen Militär Chaim Herzog geht es, auch nicht um den taktlosen Herrn Strauß, sondern um das militärische Brimborium bei allen Staatsbesuchen in allen Ländern, auch im friedliebenden Israel. Da kommt ein Politiker die Gangway herab, spricht auf dem Roten Teppich des Flugplatzes schon von "Abrüstung", von "Frieden schaffen durch weniger Waffen" – und wird als erstes im Besuchsland konfrontiert mit Waffenträgern, deren "Front" er dann "abschreitet".

Muß das wirklich sein? Könnten angeblich zum Frieden bereite Staaten nicht allmählich ein anderes Zeremoniell erfinden als diesen uniformierten Schnickschnack aus archaisch-martialischen Tagen? Die Engländer, die Franzosen haben’s ja noch gut: stecken die jungen Männer des Wachbataillons in glitzernde historische Uniformen. Da wird dann der Empfang mild ironisiert und ins Reich seligen Spektakels verlegt. Der Zuschauer am Fernsehschirm, geblendet von frisch gewienerten Brustschilder und glänzenden Stulpenstiefeln, erinnert sich beim Blick auf die Helmzier der Operetten-Soldaten gern an die Verse von Djuna Barnes in ihrem Schauspiel-Oratorium "Antiphon": "Schweife, die einst um Hinterbackengruben rauschten,/ Flatterten jetzt auf stolzen Reiterhelmen."

Sind Soldaten wirklich die einzigen Vertreter eines Landes, die festliche Begrüßung oder Verabschiedung garantieren? Natürlich sollen in diesem Ritual dem Gast die Waffen gleichsam zu Füßen gelegt, sein Schutz garantiert werden. Aber wie wollen Soldaten aller drei Waffengattungen mit Platzpatronen oder leeren Karabinern jemanden schützen, der umringt ist von Geheimpolizisten mit Schnellfeuerwaffen? Könnten das nicht, wenn es sich schon um symbolische Gesten handelt, eine Schar von Chemikern mit Bunsenbrenner und Reagenzglas oder Forscher von Alkem/Nukem mit (wohlverschlossenen) Plutonim-Röhrchen ebensogut?

Ja, ich weiß: das geht nicht. Und wie sieht denn das aus, wenn da plötzlich deutsche Professoren stehen oder ein Madrigal-Chor ein Lied singt oder einfach ein paar jener Bürger winken, die in Bonn gern als "die Menschen draußen im Land" zur Seite geschoben werden? Und gar die Sicherheit, wo bliebe die?

Einmal hat’s geklappt – und war rührend und schön. Den zum Hambacher Schloß fahrenden Präsidenten Reagan und seine Frau begrüßte eine Dorfschulklasse – nein: mit keiner "Hymne", sondern mit dem alten, schlichten Volkslied vom "Vöglein im hohen Baum".

Unsere bei Freundschaftsbesuchen stramm stehenden Mannen wecken heftige Begehr nach so bescheiden freundlichen Auftritten.

Rolf Michaelis