Entschuldige, bitte, daß ich so lange nicht geschrieben habe. Irgendwie habe ich Lust zu schreiben verloren, vielleicht weil es hier nichts Neues, Frohes gibt, worüber ich Dir schreiben könnte. Es passiert nicht viel, wenn man von Tag zu Tag existiert, wie wir in Stuttgart. Ich habe jetzt das Gefühl, es ist für mich verlorene Zeit.

Abgesehen davon, daß ich viel mit meinem Instrument zu Hause übe, tue ich gar nichts. Ich darf nicht arbeiten, ich darf kein Studium aufnehmen, ich darf Stuttgart nicht verlassen, um meine Freunde oder Bekannte in Hamburg wenigstens zu Weihnachten zu besuchen... Ich darf nur von Tag zu Tag leben und warten, bis meine Asylsache fertig ist. Wann? Es weiß keiner. Vielleicht in zwei Monaten oder in acht. Bis dahin kann ich nichts unternehmen, weder für meinen Nächsten noch für andere Leute. Ich habe keine Organistenstelle gefunden, obwohl ich mich darüber sehr gekümmert habe, um aus der Übung nicht zu fallen.

Weil ich fest überzeugt bin, ich komme nach Hamburg zurück, bemühe ich mich auch nicht um eine Wohnung oder ein Zimmer. Für die paar Monate lohnt sich das nicht. Außerdem ist es sehr knapp mit den Wohnungen in Stuttgart. Wir haben verschiedene Wege versucht, ich habe vielmals und oft nach den Anzeigen in den Zeitungen angerufen. Mein Kollege hat sogar eine in die Zeitung gegeben: „Ruhiger Ingenieur (27) Nichtr. sucht ein Zimmer – o. Wohnung“. Er hat drei Antworten bekommen, es waren aber „Umzugtransporte“ oder „Umzughilfe“. Und so denke ich manchmal, wäre ich in Hamburg geblieben, so hätte ich schon vielleicht eine Wohnung gefunden, wo ich ein Nest für meine kleine Familie schon jetzt anfangen zu bauen könnte.

Und auch für mich persönlich, für meine musikalischen Kenntnisse und Entwicklung wäre es sicherlich besser gewesen. Sehr schade, daß unsere Widersprüche nicht geholfen haben.

So sind jetzt für mich vollausgenutzte Stunden nur die, wenn ich am Sonntag oder in der Woche in die Kirche gehe, mich mit dem lieben Pan Boy unterhalte und bete .. .Und, daß ich ein paar Pakete nach Polen geschickt habe, das zähle ich auch zu den guten Tagen. Sonst rechne ich die Tage wie leere Seiten im Buch meines Lebens, die die Zeit langsam und erbarmungslos umdreht...

Es ist schon über einen Monat nach Weihnachten. Wir haben uns lange und besonders, obwohl getrennt von unseren Nächsten, gefreut. Wir wohnen in einer Wohnung zu sieben Leuten, alle Polen, und den Heiligen Abend haben wir gemeinsam vorbereitet. Und wir haben uns auch, wie es unsere polnische Sitte fordert, mit einem Stückchen Brot einander geteilt. Nachdem wir uns allen frohe Weihnachten gewünscht haben, habe ich kurze „Rede“ gehalten und aufgerufen, daß wir uns auch mit unseren Nächsten, Familien, Verwandten und Bekannten, gestorbenen und allen armen, kranken und leidenden und alleinstehenden in Gedanken verbinden wollen. Nach einer kurzen Pause kam das Schlimmste und das Schönste zugleich: Jemand hat angefangen, leise zu weinen, dann alle, genauso, als hätten wir es verabredet, haben angefangen zu heulen... Es hat uns allen sehr wohl getan. Das brauchten alle ...

Nach dem Essen haben wir ein paar polnische Weihnachtslieder gesungen unter Begleitung eines „Hausorganisten mit seinem Wunderinstrument“. Es war sehr schön. Der Tannenbaum war schön beschmückt, die Kerzen brannten, das Essen hat gut geschmeckt, und nur ab und zu war dieser oder der andere mit seinen Gedanken und Seele woanders, weit, weit entfernt....