Von Hans Otto Eglau

Lothar Späth handelte wider seine Natur. Er beschloß zu schweigen – und das ausgerechnet bei einem Projekt, mit dem er sich und seiner Technologiepolitik ein imposantes Denkmal setzen möchte: einem vom Land Baden-Württemberg und dem Automobilkonzern Daimler-Benz getragenen Forschungszentrum auf dem Campus der Universität Ulm. In der nicht gerade verwöhnten Industrieregion abseits des prosperierenden Wirtschaftsraums am mittleren Neckar weckten die Pläne des umtriebigen Landesvaters bereits die Vision einer das gesamte Umland belebenden „Wissenschaftsstadt“, wie Ulms Oberbürgermeister Ernst Ludwig schwärmt.

Daß Späth erst einmal auf Tauchstation gegangen ist, werten enge Mitarbeiter als Ausdruck der Lernfähigkeit ihres Chefs, dessen Ankündigungsaktionismus nicht nur einmal aussichtsreiche Projekte zunichte gemacht hat. Erst im vergangenen Jahr scheiterte sein mit viel persönlichem Engagement vorangetriebener Plan einer Fusion von vier Kreditinstituten zu einer starken baden-württembergischen Regionalbank. Zur Zurückhaltung dürfte den Hausherrn in der Stuttgarter Regierungsvilla Reitzenstein auch das Karlsruher Urteil über die geplante Daimler-Teststrecke Boxberg mahnen und der Streit um die Strukturbeihilfe von 140 Millionen Mark für das geplante Daimler-Werk in Rastatt, die in die Mühlen der Brüsseler Wettbewerbskontrolleure geraten ist.

Fast gleichzeitig mit seiner Ankündigung, den Bau der Fabrik mit rund 7 000 Arbeitsplätzen finanziell zu fördern, hatte Lothar Späth selbst im vorigen Sommer ein Koppelgeschäft mit dem Daimler-Vorstand offenbart. Als Gegenleistung für die Rastatt-Millionen werde der nach dem Erwerb von AEG und Dornier sowie der Übernahme der restlichen Anteile der Motoren-Turbinen-Union (MTU) in die Spitzengruppe der deutschen Technologie-Konzerne vorgestoßene Autobauer in Ulm ein zentrales Forschungszentrum errichten. Zwar wollen die Daimler-Manager von einem formalen Junktim zwischen beiden Projekten offiziell nichts wissen; gleichwohl blieb Späths Darstellung des Doppelbeschlusses vor dem Landtag im Januar unwidersprochen. „Wenn wir das schon machen“, so der Regierungschef nach eigener Darstellung zu den Mercedes-Männern, „möchte ich auch, daß wir uns über Ulm unterhalten.“ Und: „Als wir das beieinander hatten, haben wir gesagt, auf dieser Basis wollen wir das Ding machen.“

Daimler-Chef Werner Breitschwerdt und sein für Forschung und Entwicklung zuständiger Vorstandskollege Rudolf Hörnig dürften in Ulm auch dann kaum einen Rückzieher machen, wenn Brüssel für Rastatt nur eine deutlich geringere Beihilfe erlauben sollte; allerdings werden sie um plausible Gründe für ein eher verhaltenes Tempo kaum verlegen sein. Schon mit der Anpassung ihrer traditionell an den Erfordernissen eines Ein-Produkt-Unternehmens ausgerichteten Führungsstruktur tun sich die Schwaben schwer genug. Um so schwieriger ist es, aus dem Stand ein Forschungszentrum aus dem Boden zu stampfen.

Immerhin hat Daimler-Benz bereits die wichtigsten Schwerpunkte der künftigen Denkfabrik festgelegt. Am weitesten fortgeschritten ist die Planung für die Hochfrequenztechnik. Die AEG, die selbst in der Zeit finanzieller Engpässe während des Vergleichsverfahrens ihr Ulmer Forschungsinstitut nahezu ohne Einschränkung weiterarbeiten ließ, kann mit der reichen Konzernmutter im Rücken nunmehr bald aus ihren veralteten Räumen in neue Gebäude unmittelbar neben der Universität am Oberen Eselsberg umziehen. Mit rund 4000 Beschäftigten ist Ulm Sitz des AEG-Geschäftsbereichs Hochfrequenztechnik, der unter anderem computergesteuerte Funkübertragungsverfahren für den Datenaustausch und modernste Militärelektronik liefert. Dort will der Elektrokonzern 230 Millionen Mark investieren, davon sechs Millionen in das neue Forschungsinstitut und 150 Millionen für eine hochmoderne Fertigungshalle mit allen heute notwendigen Prüf- und Rechnerausrüstungen. AEG-Chef Heinz Dürr: „Ulm ist unser größtes Neubauprojekt nach dem Krieg.“

Ihrerseits für die im September anstehende Grundsteinlegung bestens gerüstet, erwarten die AEG-Manager mit zunehmender Ungeduld von ihren Daimler-Kollegen ein Gesamtkonzept für die neuen Konzerninstitute. Fest steht bisher lediglich, daß Daimler-Benz ein dem Land gehörendes Gelände von 40 Hektar neben der Universität kaufen wird, wovon die AEG 7,5 Hektar für ihr Forschungszentrum in Erbpacht übernehmen soll. Auf weitere 30 Hektar sollen die Daimler-Manager später zurückgreifen können.