Von Manfred Görtemaker

Nach Jahren angespannter Sprachlosigkeit ist der Dialog zwischen den USA und der Sowjetunion wieder in Gang gekommen. Die Notwendigkeit, ein Minimum an Verständnis und Verständigung aufrechtzuerhalten, um einen Nuklearkrieg zu vermeiden, sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß die sowjetisch-amerikanischen Beziehungen weiterhin durch Interessenkollisionen, wechselseitiges Mißtrauen und gegenseitige Vorbehalte gekennzeichnet sind. Zwang zur Koexistenz unter dem Damoklesschwert atomarer Vernichtung also – aber auch Wettrüsten, ideologischer Konflikt und machtpolitische Rivalität.

Diese Doppelnatur ist und bleibt ein Grundmuster des Verhältnisses zwischen den Supermächten. Wie es sich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten entwickelt hat und was sich daran in der Zukunft ändern könnte, wird in einem in den USA erschienenen Buch untersucht, das die Geschichte der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen von 1969 bis 1984 beschreibt und in einem Ausblick mögliche Perspektiven aufzeigt:

Raimond L. Garthoff: Détente and Confrontation. American-Soviet Relations from Nixon to Reagan; The Brookings Institution, Washington D. C. 1985; 1147 S., 39.95 Dollar.

Der Autor ist aufgrund eingehender wissenschaftlichen Beschäftigungmit der Sowjetunion und aus eigener Anschauung und Erfahrung im diplomatischen Dienst der USA – unter anderem als Mitglied der Delegation, die den SALT-I-Vertrag aushandelte – ein genauer Kenner der von ihm untersuchten Zusammenhänge. Sein voluminöses Werk, das inzwischen als Standardliteratur auf dem Gebiet der Ost-West-Beziehungen gilt, analysiert umfassend und gründlich den Weg, den die USA und die Sowjetunion seit den sechziger Jahren zurückgelegt haben: den Übergang vom Kalten Krieg zur Entspannung und die Euphorie der Nixon-Breschnjew-Gipfel in Moskau 1972 und Washington 1973; das Spiel mit der „China-Karte“ und die neue weltpolitische Dreiecks-Architektur Henry Kissingers; die ersten Anzeichen einer beginnenden Wiederabkühlung während des Yom-Kippur-Krieges im Oktober 1973 und den schleichenden Zerfall der Zusammenarbeit aufgrund zunehmender Handlungsunfähigkeit der amerikanischen Administration nach der Watergate-Affäre und wachsender Besorgnis über den sowjetisch-kubanischen Expansionismus in der Dritten Welt seit Mitte der siebziger Jahre; schließlich die Renaissance der amerikanischen Containment-Politik und die Rückkehr zur Konfrontation nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan und während der Reagan-Administration.

Bei alldem geht es Garthoff weniger um die Geschichte der sowjetisch-amerikanischen Beziehungen an sich. Vielmehr beschäftigt ihn die ebenso drängende wie aktuelle Frage, ob und unter welchen Bedingungen es möglich sein könnte, die Risiken und Kosten der Gegnerschaft zwischen den USA und der Sowjetunion, zwischen Ost und West überhaupt, durch eine Politik der Entspannung zu vermindern. Dementsprechend hat er seinem Buch einen Ausspruch Niccolo Machiavellis als Motto vorangestellt: „Um zu wissen, was geschehen wird, muß man wissen, was geschah.“

Als Richard Nixon im Januar 1969 das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten übernahm, begann er seine Bemühungen um Entspannung keineswegs aus dem Stand. Bereits seine Vorgänger Kennedy und Johnson hatten nach dem Schock der Kuba-Krise vom Oktober 1962, als die Welt mit Entsetzen in den Abgrund des drohenden Atomkrieges geblickt hatte, Schritte in dieser Richtung unternommen; allerdings waren sie damit nicht weit gekommen – Kennedy wegen seiner Ermordung, Johnson wegen des Vietnam-Krieges, der einen umfassenden Ost-West-Dialog praktisch unmöglich machte.