Von Theo Sommer

Princeton, im April

Amerikas Universitäten waren schon immer feinfühlige Seismographen. Sie zeigen stets früh an, was sich an Umbrüchen oder Verwerfungen in Politik und Gesellschaft anbahnt. Die liberale Kulturrevolution der späten sechziger Jahre, dann der Neokonservatismus der späten Siebziger samt der damit einhergehenden Einkrümmung auf die eigene Person und das eigene Land – auf dem Campus war beides zuerst zu spüren. Heutzutage zeigen die Seismographen in den akademischen Hainen abermals einen Umbruch an. Im Denken der studierenden Jugend ist die Reagan-Ära bereits vorbei. Die Studenten betrachten die Welt mit frischen Augen – und die Europäer dürfen daraus Hoffnung schöpfen.

Ich habe gerade eine Woche an der Universität Princeton zugebracht – Einstein lehrte dort, George Kennan hat hier seine Wirkungsstätte gefunden. In den tagelangen und nächtelangen Gesprächen mit Studenten und Professoren wurde eines ganz deutlich: Das Pendel ist schon weit zurückgeschwungen. Die philosophy der Reagan-Administration, ihr Weltbild also und die Maßstäbe ihres Handelns, stößt weithin auf Ablehnung. Wie im Kongreß, ist auch an den Universitäten die Gegenbewegung voll im Gange. Die Ideologie des Präsidenten findet nur wenige Fürsprecher. Es überwiegen die kritischen Stimmen.

Das gilt zunächst für die innere Szene. Da wird einerseits viel Kritik an der Wirtschaftspolitik geäußert, manche Kritik auch von rechts: Reagan sei den Grundsätzen der Reaganomics schon bald untreu geworden; er habe es zugelassen, daß sich die Subventionen vervielfachten, mit seiner Schuldenwirtschaft habe er Amerikas Zukunft an ausländische Gläubiger verpfändet, und binnen kurzem werde der Zinsendienst im Bundesetat das Pentagon-Budget überflügeln.

Andererseits aber nehmen Professoren und Studenten mit Entsetzen wahr, daß unter Reagan sich eine neue – und beschämend große – Unterklasse gebildet hat. Sie werfen dem Präsidenten einen Mangel an Verständnis für die neue Armut vor. Einige Male fiel der Satz: "Wir brauchen mehr compassion Der Begriff wird genau so verstanden, wie ihn Willy Brandt einst im Vokabular der deutschen Politik heimisch zu machen suchte. Ein Herz für die Schwachen und Benachteiligten fordern die jungen Akademiker. Sie halten nichts vom herrschenden Sozialdarwinismus, den sie mit vielerlei Geschichten über die verheerende Wirkung der Washingtoner Spar-Axt auf die Städte und die kleinen Gemeinden illustrieren. "Wir sind ein reiches Land, aber es gibt bei uns zu viele Arme", ist ein typischer Satz. Die gedankliche Kluft zwischen den sozialstaatlich bestimmten europäischen Ländern und den sozialpolitisch unterentwickelten Vereinigten Staaten beginnt sich zu schließen; der abgebrühte Kapitalismus kommt jenseits des Atlantiks in Verruf.

Der aufmüpfigen Generation des Free Speech Movement und der Anti-Vietnamkriegs-Demonstrationen war eine Generation strebsamer Konservativer gefolgt. Sie wollte das Studium schnell absolvieren, wollte möglichst bald Karriere machen. Der Idealismus der Vorangegangenen zählte nichts mehr; es wurde gebüffelt, nicht demonstriert; die Welt jenseits der Campus-Mauern war den Studenten Hekuba. Die jetzt studieren, denken ganz anders. Auch sie pauken zwar eifrig, aber sie lassen sich mehr Zeit dafür, drängen nicht mit aller Macht hinaus ins Erwerbsleben, und ein Stück des alten Idealismus ist wieder aufgelebt. Sie wollen sich der Gesellschaft nützlich machen, nicht bloß die eigene Karriere verfolgen.