Von Marion Gräfin Dönhoff

Was Marx wohl gesagt hätte, wenn er sehen könnte, wie in der Sowjetunion nicht die von ihm vorausgesagte Diktatur des Proletariats als Vorstufe zur klassenlosen Gesellschaft das russische Volk beglückt, sondern die Diktatur der Bürokratie es überwältigt und in Fesseln legt? Der riesige Apparat von Gesetzen, Vorschriften und Regulierungen aller Art, deren Einhaltung wiederum von einer ebenso gigantischen Überwachungsmaschinerie kontrolliert wird, hat jede Bewegung und jegliche Innovation unmöglich gemacht.

Nun ist dem Reich in Gestalt von Gorbatschow ein Reformator erstanden, der den Versuch machen will, diese Fesseln zu lösen und das Land aus der Erstarrung zu befreien. Das geht natürlich nur, wenn es ihm gelingt, das Volk neu zu motivieren.

"Das Land", "Das Volk" ... das sind – darüber muß man sich klar sein – gänzlich ungeeignete Begriffe, um eine Vorstellung von den Dimensionen dieser Aufgabe zu gewinnen. Von der westlichen Grenze der Sowjetunion bis nach Wladiwostok im Osten erstreckt sich das Imperium über eine Entfernung, die der von Hamburg nach San Francisco vergleichbar ist. Mit einem viermotorigen Jet würde man zehn Stunden brauchen, um die Strecke nonstop zurückzulegen.

Wie kann man – und womit eigentlich – ein so ungefüges Gebilde in Bewegung setzen? Auf welche Weise diese Völker motivieren? Dort, wo Mangel herrscht, wohl noch am ehesten mit materiellen Anreizen. Aber woher diese nehmen? Ja, wenn es gelänge, den Rüstungswettlauf zu stoppen, dann könnte man wohl Anreize geben. Ich fragte den Direktor des ökonomischen Instituts der Akademie der Wissenschaften Dr. Abalkin: "Wenn die Sowjetunion von morgen an keine neuen Mittel für die Rüstung aufwenden müßte, wieviel würde sie einsparen können?"

Der ernst dreinblickende, ein wenig kurzsichtige Mann nahm einen Bleistift zur Hand und begann, Ziffern aufs Papier zu malen: "Also, wenn man mit 4 Prozent Zuwachs pro Jahr rechnet und ein Sozialprodukt von 500 Milliarden Rubel – einschließlich Dienstleistungen 700 Milliarden – zugrunde legt, so kommt man auf 20 bis 30 Milliarden Rubel, die gespart werden könnten." (Ein Rubel entspricht drei Mark.)

Die sowjetische Führung unter Gorbatschow hat einen langfristigen Plan zur Wirtschaftsreform entworfen, der sich in drei Phasen bis ins nächste Jahrhundert erstreckt. Sein Ziel: die Effektivität des Wirtschaftsapparates sowie die Qualität der Erzeugnisse zu verbessern und die Wirtschaftsleistung zu modernisieren. Von Gorbatschows großem Reformwerk – von der geplanten und partiell schon begonnenen Umwandlung – ist dies der wichtigste, aber auch der schwierigste Teil. Schwierig, weil hierfür die bereitwillige Mitwirkung von Hunderttausenden von kommunalen Apparatschiks und Parteibonzen in weit entfernten Republiken, Bezirken und Gemeinden notwendig ist. Ihr Tun oder Nicht-Tun ist weit schwieriger zu überwachen als die Durchführung der neuen Anordnungen im Justizwesen oder die Veränderungen in Zeitungen und Verlagen.