Einmal im Jahr kratzt die Natur alles zusammen, was ihr noch geblieben ist, und startet für ihre Restposten eine Werbeaktion verschwenderischen Ausmaßes: Sie blüht.

Sie blühte einfach so dahin, hätten sich den Gesetzen der Natur nicht jene des modernen Marketings und einer agilen Public Relations hinzugesellt. Längst sind sich die Fremdenverkehrsgemeinden nicht mehr zu schade, das Frühlingserwachen vor Ort mit der Ernsthaftigkeit einer weltbewegenden Nachricht zu übermitteln. Täglich treffen in der Redaktion postalische Kostbarkeiten ein, eiligst formulierte Meldungen, sobald ein Kurdirektor den ersten Krokus, die erste Primel gesichtet hat. Hintertupfing und Vordertupfing werben nun nachhaltig mit allem, was sie in den zurückliegenden Jahren nicht unter Beton gebracht haben.

Was früher einmal in verschwenderischer Fülle vorhanden war, ist vielerorts zur Rarität geworden. Und seltene Ware ist begehrt, die läßt sich der Mensch etwas kosten. Grund genug für gewiefte Fremdenverkehrsämter, den Lenz als Attraktion einer Pauschalreise an den Kunden zu bringen. Wie man sieht, mit Erfolg: Überall in der Republik setzen sich Busse in Bewegung zur Narzissen-, Tulpen-, Mandel- und Kirschblüte.

An dem optischen Breitwanderlebnis verdienen die Gemeinden nicht schlecht. Auch naturfreundliche Touristen mögen schließlich Kaffee und Kuchen oder bescheren dem Souvenirshop am Platz ein kleines Umsatzplus.

Ein geheimnisvolles Timing hat in diesem Jahr sogar dafür gesorgt, daß sich die Blütenpracht just zu Ostern entfaltet und damit die Richtung der ersten größeren Reisewelle bestimmt. Doch auch notorische Nesthocker werden bedient; schließlich können die Fernsehanstalten während der Feiertage nicht nur vom urbi et orbi des heimgekehrten Papstes leben. Schöne Bilder werden das Auge erfreuen: Natur im Überfluß.

Noch nämlich sind wir nicht so weit, daß bei Frühjahrsbeginn der TV-Film vom Vorjahr gezeigt werden muß, weil kein Grün mehr grünt und keine Blüten mehr blühn. Noch sind nicht alle Blumen aus Plastik.

Rosemarie Noack