Von Christine Schaefer

Georg F. ist heute 49 Jahre alt. Insgesamt zwölf Jahre seines Lebens litt er an einer Krankheit, die zwar weit verbreitet ist, in der Bundesrepublik aber noch relativ wenig beachtet wird. Etwa zehn von 100 Männern im mittleren Alter zeigen Symptome einer Schlaf-Apnoe, einer nächtlichen Störung der Atmungsregulation. Da die Schlafforschung hierzulande noch in den Kinderschuhen steckt, und Schlaflabors eine ausgesprochene Rarität darstellen, wird die Erkrankung im Anfangsstadium kaum jemals erkannt.

Typisch für die Schlaf-Apnoe sind unspezifische Symptome, wie auch Georg F. sie beklagte: er schnarchte übermäßig laut, war chronisch müde, meist schon morgens beim Aufstehen, konnte sich immer schlechter konzentrieren, war oft gereizt und reagierte nicht selten aggressiv, weil er seine Ruhe haben wollte. Probleme in der Familie und am Arbeitsplatz waren die Folge.

Auch das ist typisch für die Schlaf-Apnoe: Der Patient merkt selbst meist nicht, daß er krank ist und daß ihm nachts überdurchschnittlich häufig „der Atem stockt“. Zum Arzt geht er erst, wenn Folgeerkrankungen wie ein Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen oder psychische Veränderungen bis hin zu Depressionen auftreten. Auch dann wird die Schlaf-Apnoe meist nicht erkannt, sondern nur die Folgen behandelt – die Ursache bleibt oft genug im dunkeln.

Während einer Tagung der Arbeitsgruppe „Atmungs- und Kreislaufregulationsstörungen“ der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Tuberkulose wurden kürzlich erstmals ausführliche Empfehlungen zur Erfassung, Diagnose und auch Behandlung der Schlaf-Apnoe erarbeitet. Denn die Schlaf-Apnoe läßt sich fast immer befriedigend behandeln. Selbst die Folgekrankheiten werden gebessert, sagte Professor Peter von Wichert, Direktor der Medizinischen Poliklinik der Universität Marburg.

Nächtliche Atemstillstände sind eigentlich nichts Ungewöhnliches. Jeder Mensch hält während des Schlafs mehr oder weniger oft den Atem an. Häufen sich allerdings diese sogenannten Apnoe-Phasen, so kann sich daraus ein schweres Krankheitsbild entwickeln.

Von einer Schlaf-Apnoe sprechen die Wissenschaftler heute, wenn es zu mehr als zehn Apnoe-Phasen von mehr als zehn Sekunden Dauer während einer Schlafstunde kommt. Der Schlafende hält also etwa alle sechs Minuten für zehn Sekunden oder länger den Atem an. Diese Häufung hat krankmachende Folgen: der Sauerstoffgehalt des Blutes sinkt, der Gehalt an Kohlendioxid steigt an. Gleichzeitig steigt der Druck im kleinen Kreislauf zwischen Herz und Lunge. Der Herzschlag wird bradykard, das heißt erheblich verlangsamt. Mit dem Wiedereinsetzen der Atmung kommt es dann zu einem schlagartigen Anstieg der Herzfrequenz. Langfristig kann sich durch die Druckerhöhung und die ständigen Schwankungen eine Hochdruckerkrankung, eine Herzinsuffizienz oder Störung des Herzrhythmus entwickeln.

Doch damit nicht genug. Die Apnoe-Phasen, verursacht durch einen zentralnervösen Regeldefekt, werden durch ein reflexartiges Aufschrecken (Fachjargon: Arousel) beendet, fast immer begleitet von einem lauten explosionsartigen Schnarchen. In der Regel merkt der Patient davon nichts, er wird während der Arousel-Reaktion nicht wach. Jedoch verhindert dieser Mechanismus, daß er in Tiefschlaf fällt. Mit anderen Worten: Apnoiker schlafen zwar zum Beispiel acht Stunden, sie finden jedoch kaum erholsamen Schlaf, sind folglich ständig müde und nicken tagsüber häufig ein. Die kontinuierliche Schlaffragmentierung bedingt schließlich Gereiztheit, Aggressivität, psychische Veränderungen bis hin zur Depression oder zu Halluzinationen.

Welche Rolle dabei das fast immer auftretende Schnarchen spielt, ist wissenschaftlich bisher nicht vollkommen geklärt. Schnarchen allein stellt jedoch sicherlich keinen Risikofaktor dar, meint von Wichert, den „sonst müßten die Männer wohl schon längst ausgestorben sein“. Ähnlich wie bei Georg F., verläuft die Erkrankung meist langsam und zunächst unbemerkt, oft ist es die Ehefrau, die zuerst erkennt, daß „etwas“ nicht stimmt. Dabei ist das Krankheitsbild durchaus nicht selten. So hat eine Studie der Marburger Forscher an hundert zufällig ausgewählten Fabrikarbeitern ergeben, daß etwa zehn Prozent der männlichen Bevölkerung an dieser Krankheit leiden. Auf zwei Millionen schätzt Privatdozent Dr. Hermann Jörg Peter von der Marburger Forschungsgruppe „Zeitreihenanalyse“ die Zahl der Betroffenen in der Bundesrepublik Deutschland. Etwa Zweihunderttausend von ihnen dürften dabei nach seinen Angaben akut bedroht sein, wegen Komplikationen des Herz-Kreislaufsystems vorzeitig versterben. Betroffen sind fast ausschließlich Männer, in der Regel im mittleren Alter. Nur in zirka fünf Prozent der Fälle sind es Frauen. Den Grund für diese ungleiche Verteilung kennen die Wissenschaftler bis heute nicht.

Eine Arbeitsgruppe unter der Federführung von H. J. Peter hat während ihrer jüngsten Tagung in Freiburg Empfehlungen erstellt, die zur Erfassung möglichst aller Kranken führen sollen. Mit einem standardisierten Patientenfragebogen, von der Marburger Gruppe entwickelt, soll bereits während der Anamnese die Diagnose Schlaf-Apnoe wahrscheinlich gemacht werden.

Sind Sie tagsüber müde? Schlafen Sie tagsüber spontan ein? Fühlen Sie sich in letzter Zeit in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt? Befragt werden die Patienten auch nach Symptomen wie Herzstolpern, Atemnot, Erstickungsgefühlen, Schnarchen oder Belastbarkeit. Deuten die Antworten auf eine Apnoe, dann sind detalliertere Untersuchungen erforderlich. Außerdem sollte laut Peter jeder Hochdruckkranke intensiver untersucht werden, da die Hypertonie oft die erste Manifestation der Schlaf-Apnoe darstellt. „Wir wissen heute, daß die Schlaf-Apnoe ein Risikofaktor ersten Ranges ist und daß die Lebensqualität durch diese Krankheit stark eingeschränkt wird. Die Erkrankungs- und Sterberaten sind erhöht, und die Schlaf-Apnoe ist eng mit den klassischen Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Hyperlipidämie und koronarer Herzkrankheit verknüpft“, sagt der Schlafforscher. (Hyperlipidämie = erhöhter Gehalt von Fetten und fettähnlichen Substanzen im Blut.)

Bestehe der Verdacht auf Schlaf-Apnoe, so sei die Diagnose unbedingt in einem Schlaf-Labor zu sichern, meint Professor Karl-Heinz Rühle von der Abteilung Pneumologie der Medizinischen Universitätsklinik in Freiburg. Die Atmung müsse während des Schlafs registriert werden, „denn anhand der klinischen Symptome sehen wir heute erst die Spitze eines Eisberges“.

Dabei darf die Krankheit nicht, wie lange üblich, mit dem Pickwickier-Syndrom (benannt nach einer Romanfigur von Dickens) gleichgesetzt werden. Zwar zeigen auch diese Patienten gehäufte Apnoe-Phasen mit allen Symptomen der Schlaf-Apnoe, doch wird dies vermutlich durch das extreme Übergewicht und der damit verbundenen Verstopfung der Atemwege verursacht. Für die Diagnostik der Schlaf-Apnoe gibt es bislang nach Ansicht der Experten viel zu wenige Schlaflabors in der Bundesrepublik. So fordert auch die Arbeitsgruppe den raschen Ausbau dieser Einrichtungen – ähnlich wie in den Vereinigten Staaten, wo der Schlafforschung allgemein ein sehr viel höherer Stellenwert eingeräumt wird.

Schlaflabors sollten demnach bundesweit an allen Fachkliniken und Schwerpunktkrankenhäusern installiert werden. Die Diagnose selbst erfolgt dann während der Nacht, wenn der Patient schläft. Mit Hilfe auf die Haut geklebter Sensoren kann transkutan, also einfach durch die Haut, der Gasaustausch des Blutes und somit auch dessen Sauerstoffgehalt analysiert werden. Ist der Sauerstoffgehalt während der Nacht normal, ist eine Schlaf-Apnoe vollkommen ausgeschlossen. Zum anderen wird der Atemrhythmus bestimmt, entweder durch Messen der Atemfrequenz und der Schnarchgeräusche mit Mikrophonen an Mund und Nase oder durch spezielle, am Brustkorb befestigte Atemgürtel.

Alle diese Parameter lassen sich mit einer von der Marburger Gruppe entwickelten ambulanten Diagnoseeinheit auch außerhalb der Klinik bestimmen. Erhärtet sich der Verdacht auf eine Schlaf-Apnoe, so sind umfangreichere Analysen der Atemregulation im Schlaflabor erforderlich.

Eindringlich warnen die bundesdeutschen Experten vor der Verschreibung von Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Diese sollte der Patient ebenso wie Alkohol am Abend meiden, weil sonst die lebenswichtigen Arousels, die Aufschreckreaktionen, unterbleiben können. Übergewicht muß reduziert werden, da es eine Blockade der Atemwege während des Schlafs fördert. Außerdem kann ein Hochlagern des Oberkörpers während der Nacht die Atmung im Schlaf erleichtern.

Zeigen sich neben den nächtlichen Störungen zusätzlich klinische Symptome wie eine exzessive Müdigkeit am Tage, dann empfehlen die Mediziner zunächst den Einsatz von Medikamenten wie Theophyllin. Theophyllin, das natürlicherweise in Teeblättern vorkommt, ist chemisch eng mit dem Koffein verwandt und wird heute vorwiegend zur Behandlung von Asthmaerkrankungen eingesetzt. Gute Erfolge haben sich nach Angaben der Wissenschaftler auch bei der Therapie der Schlaf-Apnoe gezeigt.

Bei schweren Krankheitsformen, also wenn schon Folgeerkrankungen aufgetreten sind, ist eine physikalische Behandlung erforderlich: Über eine Nasenmaske wird der Patient während des Schlafs mit Überdruck beatmet und so zum Weiteratmen gezwungen. Stand früher ein kühlschrankgroßes Gerät im Schlafzimmer, ist der Kompressor durch technische Weiterentwicklungen heute handlicher und auch leiser geworden. „Die Patienten sind sehr kooperativ und gewöhnen sich meist schnell an diese Überdruckbeatmung“, sagt Rühle. Dies liege nicht zuletzt am großen Leidensdruck der Kranken und daran, daß sie meist schon nach der ersten Nacht eine Besserung oder gar das völlige Verschwinden ihrer Symptome bemerken.

Nach einer ersten Therapiestudie der Marburger Forschergruppe an 40 Patienten, zeigte sich in allen Fällen eine deutliche Besserung – ähnlich wie auch bei Georg F., der sich schon nach wenigen Nächten mit der Nasenmaske „wie ein neuer Mensch“ fühlte.