Von Roger de Weck

Das Menü ist einfach und ansprechend: Vorab ein Pottage St. Germain, dann Cottage Pie mit Brüsselerkohl, zum Nachtisch lockt eine herrliche Früchteplatte. Mittags ist Hochbetrieb. Flink bahnen sich die schwarzen Kellner ihren Zickzack-Weg durch den weiträumigen Speisesaal. An den großen, runden Holztischen sitzen lauter Weiße, leitende Angestellte der südafrikanischen Tochtergesellschaft von Volkswagen. Es ist nicht so, daß Schwarze in der Kantine der VW-Führungskräfte unerwünscht wären. Aber unter den Spitzenleuten des Automobilwerkes in Uitenhage an der Ostküste ist nun eben kein Farbiger.

Falsch, da ist seit kurzem einer: ein einziger Schwarzer in der Hundertschaft seiner weißen Kollegen. Edwin Scula war früher Lehrer und pflegt heute für Volkswagen Beziehungen zu den Verbänden schwarzer Taxifahrer und Kleinunternehmer. Er trägt den Titel eines Managers und ist der "Fassaden-Neger", spotten böse Zungen. Sie tun ihm Unrecht.

Scula nimmt kein Blatt vor den Mund: "Ich kenne mehrere Schwarze in der Firma, die durchaus die Eignung zum leitenden Angestellten haben. Sie sind überqualifiziert für die Arbeit, die sie jetzt verrichten. VW sollte mehr tun für sie und präzise Karrierepläne ausarbeiten. Vor allem müssen die Schwarzen jetzt die Möglichkeit eröffnet erhalten, nicht nur nebengeordnete Aufgaben zu erfüllen, sondern endlich auch im Bereich der Produktionsleitung Verantwortung zu übernehmen."

In ganzseitigen Zeitungsanzeigen forderten Ende 1985 der südafrikanische Volkswagen-Chef Peter Searle und weitere neunzig Wirtschaftsführer "die Abschaffung jeglicher gesetzlicher Rassendiskriminierung". In ihren eigenen Unternehmen freilich ist die informelle Apartheid nicht vollends beseitigt. Zwar haben schwarze und weiße VW-Arbeiter längst gemeinsame Umkleideräume und die selbe Toilette, zwar gilt der Grundsatz "gleicher Lohn für gleiche Arbeit", und gelegentlich unterstehen Weiße sogar einem schwarzen Vorarbeiter. Aber im Unternehmen wie im Staate bleibt die ganze Macht in weißer Hand. "Manche südafrikanische Firmen schenken den Schwarzen mehr Vertrauen als die deutschen Konzerne", vermerkt eine schwarze Arbeitsrechtlerin.

Dabei steht Volkswagen auch in Südafrika für gute Sozialpartnerschaft. Der größte deutsche Arbeitgeber im Lande genießt zu Recht den Ruf, einer der fortschrittlichsten zu sein. Die 6000 Beschäftigten – vor der Krise der südafrikanischen Automobilindustrie waren es noch 8700 – haben vortreffliche Arbeitsbedingungen. Während die schwarze Siedlung von Uitenhage ständig von blutigen Unruhen geschüttelt wird und das Willkür-Regime ganze Wohnviertel niederreißen läßt, erscheint das Werksgelände als eine Oase der Vernunft.

Draußen haben die Schwarzen nichts zu sagen, drinnen finden sie Gehör, spätestens seit den großen Streiks Ende der siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre. Sieben vollamtliche shop stewards (Vertrauensleute) und zwanzig weitere Teilzeit-Gewerkschaftsfunktionäre, die alle von Volkswagen entlohnt werden, vertreten die Interessen der Belegschaft. Schon 19 Jahre bei VW, hat Jurie Harris zwar dies und jenes auszusetzen; aber aufs Ganze gesehen ist der altgediente Gewerkschaftskärrner voll des Lobes: "Seit 1984 änderte die Geschäftsleitung ihre Haltung. Jetzt wird für die Beschäftigten gesorgt. Die Firma ist okay."