Die Pilger aus Waldfeucht nahmen Anstoß an meinem ausschließlichen Interesse an Pontius Pilatus. Immerhin sei er es doch gewesen, der ein gerüttelt Maß Mitschuld am Tode Jesu trage, ein Schreibtischtäter also, opportunistisch und verachtungswürdig. Mein matter Hinweis, daß die koptische Kirche ihn als Heiligen verehre, nützte nichts.

Kein Wunder, denn über Pontius Pilatus wissen wir wenig: Ein einziger Satz bei Tacitus, ein paar Episoden bei Philo von Alexandrien, etwas mehr bei Flavius Josephus – und natürlich die bekannten Stellen in den Evangelien. Alles zusammengenommen ergibt nur ein ungefähres Bild. Zu unterschiedlich sind die Intentionen der Kommentatoren.

In Cäsarea ist er im Frühsommer des Jahres 26 gelandet, das steht fest. Das Ausgrabungsfeld von Cäsarea, einige Kilometer nördlich von Hadera, direkt am Mittelmeer gelegen, wird dominiert von den Bauten der Kreuzfahrer. Innerhalb des verfallenen Stadtgebiets der antiken Metropole befestigten sie den kleinen Teil um den Hafen mit Wall und Graben. Der größere Teil, das antike Cäsarea, ist schwerer auszumachen. Herodes der Große hatte die Stadt kurz vor Christi Geburt angelegt; sie entwickelte sich rasch zum bedeutendsten Ankerplatz an der palästinensischen Küste.

Noch heute kann man die weit ins Meer hinausgreifenden Grundmauern der herodianischen Kaianlagen, jetzt unter Wasser liegend, als schwarze Streifen wahrnehmen. Die Ausgrabungen lassen ermessen, wie groß der längst versandete Hafen einst gewesen ist. Die Stadt wies alle Annehmlichkeiten auf, die der griechisch-römischen Welt lieb und teuer waren: Theater, Tempel, Hippodrom, Badehäuser und ein Forum.

Von alledem ist überraschend viel erhalten. Das Theater, in dem man 1961 die bisher einzige Pilatus-Inschrift fand, wurde restauriert und dient heute wieder seinem alten Zweck. Das Forum, hart vor den Toren der Kreuzfahrerstadt, ist schnell gefunden. „Säulenstraße“ liest man auf einem Schild, und in der Tat hat man auf dem Gelände noch zwei halbwegs intakte Säulen ausfindig machen können und hier aufgestellt. All die anderen sind dank der schönen Sitte der Sekundärnutzung im ganzen Land verteilt; besonders prächtige Säulen aus Cäsarea finden sich in Akko im Hof der „Säulenkarawanserei“ (Khan al-Umdan).

Die Präfekten, die seit dem Jahr 6 n. Chr. Judäa als römische Provinz verwalteten, taten dies ganz selbstverständlich von Cäsarea aus. Die Stadt ermöglichte ihnen – im Gegensatz zu Jerusalem – ihren gewohnten Lebensstil, sie verfügte über die schnellsten Verbindungen nach Rom und hatte überdies eine loyale Bevölkerung, nämlich mehrheitlich Griechen.

Die Größe des antiken Cäsarea erahnt man, indem man von einem erhöhten Punkt aus den Verlauf der alten herodianischen Mauer betrachtet. Ein deutscher Reiseführer gibt dazu folgenden Ratschlag: „Man betritt die Ruinenstätte durch den Wall des Herodes. Links erhebt sich das Hippodrom. Es ist 230 m lang und bot 20 000 Besuchern Platz.“ Aber weder betritt man, noch erhebt sich etwas. Kein Autofahrer oder Businsasse wird gewahr, daß die letzte Bodenwelle vor den immerhin noch zwei Kilometer entfernten Ausgrabungen die antike Stadtmauer bildet. Begrünt, öfters als Steinbruch benutzt, insgesamt nur noch für den Wissenden wahrnehmbar, zieht sie sich in weitem Halbkreis um das jetzt landwirtschaftlich genutzte ehemalige Stadtgebiet.