Historisch gesichert ist eigentlich nur, daß die Herkunft des Osterhasen im dunklen liegt. Das mag zwar etwas dürftig klingen, hat aber den Vorteil, daß unserer Phantasie praktisch keine Grenzen gesetzt sind. Vielleicht war es wirklich ein Ladenburger Bäcker, dem das Osterlamm aus Teig zum Hasen mißriet. Jedenfalls setzte sich Meister Lampe am Neckar irgendwann gegen stärkste Konkurrenz als Eierlieferant durch.

„In Südwestdeutschland, in unserer heimatlichen Pfalz“, so schrieb der Heidelberger Mediziner Georg Franck 1674, „heißen solche Ostereier die Haseneier. Man macht damit einfältigen Leuten und kleinen Kindern weis, diese Eier brüte der Osterhase aus und verstecke sie im Garten ...“ Das war, wenn man so will, der endgültige Durchbruch. In den weiten Flußauen zwischen Odenwald und Pfälzer Bergland hoppelten Hunderttausende der fruchtbaren Spezies Lepus vulgaris, zur Freude der Jäger und der Kinder. Was Tag da näher, als den langohrigen Nager mit der Produktion und Verteilung österlicher Geschenke zu betrauen.

Wo nun das erste Nest aus Moos und Gras gebaut wurde, läßt sich auf dem schönen Weg von Heidelberg nach Ladenburg nur vermuten. Vielleicht war es kurz hinter Schriesheim, auf dem heutigen Gelände des Max-Planck-Instituts für Zellbiologie. Dort wächst nämlich die Lieblingsspeise Löffelmanns, die Schafgarbe, in rauhen Mengen. Oder lagen die bunten Eier erstmals in den kleinen Küchengärten vor der Ladenburger Stadtmauer, wie manche Heimatforscher inzwischen vermuten?

Das wäre historisch gesehen nicht ohne Reiz. Galt doch der Hase schon bei den Römern als Lieblingstier der Göttin Venus, sozusagen als Belohnung für seine sprichwörtliche Fruchtbarkeit. Seit dem Jahre 74 nach Christus war Lopodunum römisches Kastell, später Verwaltungszentrum der Neckarsweben. Man hat unglaubliche Funde unter dem buckligen Pflaster gemacht, Ladenburg sogar mit Pompeji verglichen, was sicher ein wenig übertrieben ist. Erst kürzlich wurden mitten in der Altstadt die Villa eines reichen Öl- und Weinhändlers, eine Bronzegießerei und ein römisches Wirtshaus ausgegraben. Nicht nur die Stadtmauer, auch die doppeltürmige St. Galluskirche ruht auf Fundamenten Lopodunums, obwohl das Kastell fast sechs Meter unter der heutigen Oberfläche liegt. Vor dem Wormser Bischofshof schleudert ein antiker Jupiter seine Blitze. Man fand den Chef der römischen Götter mit kompletter Standsäule in einem Brunnen.

Verständlich, daß Ladenburgs „Schliemann“, der Archäologe Dr. Berndmark Heukemes, ins Schwärmen gerät: „Heute wissen wir, daß die Marktbasilika mit 73 mal 47 Metern Grundfläche eines der monumentalsten Gebäude nördlich der Alpen war. Und daß Lopodunum nicht nur als Garnison eine wichtige Rolle spielte, beweist das große Theater mit seiner 90 Meter breiten Bühne.“

Nach knapp 200 Jahren unter den Cäsaren fiel Ladenburg dem Alemannensturm zum Opfer, die imperiale Architektur verkam zum Steinbruch. Mag sein, daß manches schöne Adelspalais aus römischen Quadern gefugt, manche Straße mit Steinen des Mithras-Heiligtums gepflastert wurde. Was dennoch an Ruinen übrigblieb, rechtfertigt einen österlichen Besuch allemal.

Vielleicht gewinnt die Begegnung mit der Antike in diesen Tagen auch dadurch an Reiz, daß man sich an den Wurzeln des Osterhasenkults befindet. Während in Holstein und Sachsen der Hahn für die bunten Eier verantwortlich zeichnete, erfüllten im benachbarten Hessen Fuchs oder Eichhörnchen diese Funktion. Längst fragten die Kinder zwischen Neckar und Rhein am Ostersonntag: „Hat der Has’ schun g’legt?“, da glaubten ihre Altersgenossen im Elsaß noch an den Storch als Eierproduzenten. Die Schweizer – konservativ wie immer – ließen bis ins späte 19. Jahrhundert den Kuckuck gefärbte Eier im Gras verstecken.