Von Friedemann Bedürftig

Seit der Reichsgründung 1871 gab es immer wieder Bemühungen, eine interkonfessionell organisierte christliche Partei zu etablieren. Das scheiterte zunächst im Kulturkampf, in dem sich die evangelische Seite als Agent des Hohenzollernstaates verstand. Dann riß der Krieg neue Gräben auf, weil die katholische Universalkirche im nationalen Rausch auf verlorenem Posten stand. Als dann Weimar Chancen für eine Verständigung bot, fehlte den Protestanten nach dem Verlust der Landesherren die Führung, war das Zentrum in seiner neuen staatstragenden Rolle eher an Abgrenzung interessiert, und auch die Krise der Republik seit 1930 brachte keinen Brückenschlag.

Getrennt – ähnlich wie Sozialdemokraten und Kommunisten – setzten sich beide Konfessionen mit der nationalsozialistischen Herausforderung auseinander, und wo sie vereint vielleicht hätten widerstehen können, suchten sie nun zunächst jeder für sich Arrangements mit den Nationalsozialisten. Reichskirche und Konkordat waren Hitlers Köder für die Amtskirchen, die wie die anderen gesellschaftlichen Gruppen erst viel zu spät die Widerhaken erkannten. Und wenn schon Theologen so lange an die Möglichkeit von Übereinkünften mit dem rassistischen Staat glaubten, was war dann von der Laienschaft zu erwarten, von den "christlichen" Politikern, bei denen Kompromiß zum Berufsbild gehörte? Allzu langsam gingen ihnen die Augen auf, und die Schamschwelle angesichts des eigenen Versagens behinderte noch länger die Suche nach Verbündeten. So hatte der Staat mit den bürgerlichen Opponenten zunächst erheblich leichteres Spiel als mit dem Widerstand von links, der über eine lange "illegale" Tradition und über internationale Verbindungen verfügte. Erst der immer massivere Gleichschaltungsdruck, die Kriminalisierung jeder abweichenden Meinung vor allem im Kriege zwang zur Überwindung des Trennenden, auch der Konfessionsgrenzen.

Der Angriff des "Neuheidentums" rückte die christlichen Gemeinsamkeiten ins Licht, die allein ein ethisches Gegengewicht gegen den sozialdarwinistischen Zynismus versprachen, gegen die entmenschte Politik des Rassenkampfes. Wie aus gemeinsamem Entsetzen gemeinsames Widerstandshandeln wurde, dokumentiert die Quellensammlung

Verfolgung und Widerstand 1933-1945. Christliche Demokraten gegen Hitler; herausgegeben von G. Buchstab, B. Kaff, H.-O. Kleinmann; Droste Verlag, Düsseldorf 1986; 288 S., 24,80 DM.

Die Veröffentlichung der CDU-nahen Adenauer-Stiftung ist nicht frei von propagandistischen Absichten. Man merkt sie und könnte verstimmt sein, doch wäre das ungerecht gegen die Herausgeber und ihre sorgfältige Edition, und überdies kann es keiner Partei schaden, an ihre Wurzeln im Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft erinnert zu werden. Schon gar nicht jenen Angehörigen der Union, die einem Herbert Wehner das Recht auf Rede über den 20. Juli bestritten. Solchen Widerstands-Monopolisten sei das ausgezeichnete Goerdeler-Kapitel empfohlen.

Gerade Goerdeler ist typisch für den bürgerlichen Weg in den Kampf gegen das Hitlerreich: Bis Mitte 1935 war er noch Reichskommissar (für Preisüberwachung) und bis 1937 Oberbürgermeister von Leipzig; er glaubte, sich dem "neuen Staat" nicht versagen zu dürfen. Als er sich dann doch abwandte, kannte er die NS-Unterdrückungsmethoden genau und wußte, daß nur ein breiter Konsens der Opposition und ein militärisch abgesicherter Schlag das Regime würde stürzen können (ein Attentat lehnte er ab). Widerstand durfte nicht fragen nach einstigem Parteibuch, nicht nach Konfession oder Profession. Militärs, Sozialisten, Christsoziale, Zentrumsleute, Gewerkschafter und auch Deutschnationale sammelten sich um Goerdeler, nicht wenige darunter, die anfangs mit den Nationalsozialisten gegangen waren.