Das Theater ist kränker, als es die gesunden Besucherzahlen suggerieren. Noch hält das Publikum sein Theater für etwas Besonderes. Noch hat es nicht entdeckt, daß man auch ohne Theater ganz gut leben kann.

Endzeitvisionen sind unser täglich Lesebrot – fällig wird diese: Das Theater der Klassiker findet nur noch in ein paar Großstädten statt, museal gepflegt wie die Nö-Spiele in Japan, für Besucher aus den Entwicklungsländern. Für zeitgemäße Unterhaltung sorgen Stadtteilfeste und eine hochentwickelte Kneipenkultur. Das Restbedürfnis nach dialogischem Vergnügen, nach spielerischem Verhör, nach dieser Urform des Theaterdialogs, wird auch in fernster Zukunft auf dem Bildschirm durch Tatort, Talkshow und „Was bin ich“ befriedigt.

Die Zeit der Dramatiker ist vorüber. Das Theater altert mit seinen älteren Autoren, und es wird nicht jünger durch seine jüngeren.

Georg Hensel in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, Samstag, 11. April 1987

Berta Drews

Wer sie auch nur einmal gehört hat, kriegt ihre Stimme nicht wieder aus dem Ohr. Die kam von weither, das rollende R, der herbe, spröde Klang Westpreußens, dabei schnoddrig mit dem ironischen Unterton von Berlin. Dort ist sie geboren, dort hat sie ihre großen Triumphe gehabt, nein: genossen. Dort ist sie jetzt gestorben. Wer Berta Drews auch nur einmal gesehen hat, das breitflächige Gesicht mit den hohen Backenknochen, bis ins hohe Alter von wildem Charme, der versteht, daß sie zu dem Tramm von Schauspieler passen mußte, als den Jüngere Heinrich George nur noch im Film kennenlernen können („Der Postmeister“). Haben wir alle sie nicht gesehen, gehört, als Bauern-Großmutter im „Blechtrommel“-Film? „Danzig und die Kaschubei – das Land meiner Ahnen“, hat sie damals gesagt. Und war doch alles andere als eine bloß robuste Person: Immer wieder Krankheiten. Jahrelang mußte sie das Theater aufgeben, ohne das sie doch nicht leben konnte. Alexander Moissi, der sensible Stimm-Virtuose, war einer der ersten Gefährten, über die Berta Drews in ihren Erinnerungen, „Wohin des Wegs“ (Langen/Müller, 1986), freimütig wie sie lebte und spielte, Auskunft gibt. Nicht die Sanften spielte sie, sondern die kernigen, leidenschaftlichen Frauen mit den sprechenden Namen Frau Hamm (Hauptmann), Spelunken-Jenny, Frau Hurtig, Madame Irma (Genet), bis hin zu Becketts Winnie der „Glücklichen Tage“. Ihr Mann Heinrich George starb 1946 im sowjetischen Lager Sachsenhausen, in dem er saß, weil er sich arglos den Nazis angedient hatte und Intendant des Schiller-Theaters geworden war. Aber dann schaffte Berta Drews, auf der Bühne, im Film, eine neue Karriere. Wie hatte schon die Zweijährige gefordert: „Platz da,-Berta kommt!“ Nun ist Berta Drews, Mutter von Götz George, in Berlin gestorben, 85 Jahre alt.

Korrektur

ZEIT-Leser Helmut S. aus Hof/Bayern macht uns auf einen Fehler in unserem Feuilleton vom 3. April 1987 aufmerksam. Unter der Überschrift „Ausgezählt“ berichteten wir dortselbst über die Bonner Uraufführung eines Stückes von Herbert Achternbusch mit dem schönen Titel „Heißer Stier“. Nach Ansicht von ZEIT-Leser S. muß der richtige Titel des in Bonn uraufgeführten Dramas „Weißes Bier“ heißen – eine naheliegende und scharfsinnige Schlußfolgerung, wenn man an die geradezu leitmotivische Rolle des Weißbiers in Leben und Werk des großen bayerischen Dichters und Filmemachers denkt. ZEIT- Leser Jörg D. hingegen (Bielefeld/Westfalen) schickte uns eine launige Expertise, in welcher er das dialektische Wechselspiel zwischen „Bier“ und „Stier“ im Werk Herbert Achternbuschs am Beispiel des Jahrhundertfilms „Bierkampf“ erschöpfend interpretierte. ZEIT-Leser Friedrich Z. wiederum (Bonn/Deutschland) meinte süffisant feststellen zu müssen, bei „Herrn Achternbusch“ handle es sich mittlerweile doch eher um einen müden Tiger als einen heißen Stier – woran er, Z., sich ein nicht geringes Verdienst zuschreibe. Um allen weiteren Mißverständnissen im schwierigen Gelände der Achternbusch-Exegese vorzubeugen, erklären wir an dieser Stelle feierlich, daß das in Bonn uraufgeführte Stück von Herbert Achternbusch „Weißer Stier“ heißt – und sonst gar nichts. (Das Neueste von Achternbusch schon in diesem Feuilleton, siehe Seite 60!)