Von Wolfgang Nagel

Die Geschichte scheint so reizvoll schlicht und facettenreich, so raffiniert und auf den Punkt gebracht, daß man sich fragt, warum sie sich nicht ein Schriftsteller ausgedacht hat. Ein junger Mann besucht einen großen Unbekannten, einen weltweit gesuchten NS-Verbrecher, seinen Vater. Die Wirklichkeit kam der Fiktion zuvor. Unter konspirativen Umständen fuhr der Freiburger Rechtsanwalt Rolf Mengele 1977 nach Brasilien zu dem ehemaligen KZ-Arzt und fanatischen "Rassenhygieniker" Josef Mengele, verantwortlich für den Tod Abertausender von Auschwitz-Opfern.

Daß das spektakuläre Geheimtreffen nicht familiäres Ereignis blieb, dafür sorgte, acht Jahre später und sechs Jahre nach dem Tod des Vaters, die Bunte in einer fünfteiligen Serie. Jenseits von Illustrierten-Sensationen ("So entkam mein Vater") und privater Tragödie birgt der Fall elementare moralische und psychologische Konflikte. Die deutschen Schicksalsfragen – Wie konnte es geschehen? Wie werden wir damit fertig? – sind in dieser Vater-Sohn-Begegnung konzentriert. Stoff mithin für eine literarische Auseinandersetzung.

Peter Schneider hat stets (siehe "Lenz" oder "Messer im Kopf", siehe ".. schon bist du ein Verfassungsfeind" oder "Der Mauerspringer") ein geradezu journalistisches Gespür für die richtigen Themen im richtigen Augenblick gehabt. Und ein Anteil nehmendes Interesse für jene, die schuldig und Opfer ihrer eigenen Taten geworden sind: So korrespondierte er etwa mit dem RAF-Terroristen Peter-Jürgen Boock. Mit Rolf Mengele hat er offenbar nicht gesprochen (was kein Vorwurf ist), sondern dessen Vater-Begegnung in der Phantasie rekonstruiert, oder besser: In Unkenntnis des tatsächlichen Hergangs hat er einen möglichen Verlauf der schwierigen Annäherung quasi modellhaft erfunden, unter Berücksichtigung der wenigen Fakten und einiger Aussagen Mengeles.

Eine legitime Methode. Der im Spiegel aufgebrachte Plagiats-Vorwurf ist unqualifiziert und konnte die Auslieferung des Buches zwar verzögern, Gott sei Dank aber nicht verhindern. Interessant allein ist die Frage, was die Erzählung über die bekannten Fakten hinaus leistet. Die Antwort ist enttäuschend: nichts.

Schneider schreibt aus der Perspektive des Sohnes, der seine Aufzeichnungen an einen nicht in Erscheinung tretenden Schulfreund richtet. Dieser verkörpert so etwas wie das schlechte Gewissen, eine kritische Instanz. In der Person des Ich-Erzählers sucht der Autor nach Erklärungen, warum der Sohn im Lauf eines sporadischen Briefwechsels in emotionale Abhängigkeit dieses fernen Mannes gerät, dessen Taten er verabscheut, aber dessen Urteilen er sich unterwirft (er trainiert mit dem Expander, weil der Vater seine schlaffe Haltung mißbilligt). Er will zeigen, warum der Sohn seinen Vater zeitlebens nicht verrät, sondern zum Mitwisser wird. Und er versucht zu ergründen, wie einer mit unermeßlicher Schuld fertig wird, (nämlich gar nicht: Der Vater leugnet die ihm angelasteten Taten) und wie die nachfolgende Generation – das Wort von der "Gnade der späten Geburt" hat die Runde gemacht und wird auch von Schneider zitiert – mit dieser Schuld umgeht.

Daß Schneider bei seinem Unterfangen schließlich scheitert, liegt zunächst an der Sprache. Es hat mich verblüfft, bei einem so gewandten und sicheren Stilisten auf achtzig Seiten eine derartige Fülle mißratener Formulierungen und verquaster Metaphern zu finden. "Entstand eine Stille in mir, zu kurz für ein Menschenleben", "der dumme Instinkt, in dem nur das Blut denkt", der "Urwald, der mir jetzt wie ein widerwärtiges, auf den Index zu setzendes Lehrbuch erschien": sinnlose Wortakrobatik. Weitere Beispiele wird man in einigen der folgenden Zitate finden.