Kydonömeli – was ist das? Schon vor 2500 Jahren haben sich die Griechen die Finger danach geleckt: Quittenhonig ist es, benannt nach „kydöni“ (Quitte) und „meli“ (Honig). Wie Gold schimmert die dickliche Masse im sonnendurchstrahlten Glas, das ich auf dem Balkon eines Athener Hotels in der Hand halte. Der Archäologe Savas Kasas hat es mir stolz überreicht – die Akropolis erhebt sich als passende Kulisse im Hintergrund.

Savas Kasas hat die antike „Marmelade“ ausgegraben, genauer gesagt: das Rezept. Nicht mit Hacke und Schaufel zwischen Tempelresten, wie Archäologen das in der Regel tun, sondern in monatelanger Arbeit in der Bibliothek des Deutschen Archäologischen Instituts.

Die Biowelle, die auch Griechenland nicht ausließ, hatte ihn auf die Idee gebracht, in den Werken antiker griechischer und römischer Autoren nachzuschlagen; schließlich mußten Speisen und Getränke auch in der Antike schon haltbar gemacht werden, und das ohne Hilfe der Chemie.

Quellen gibt es reichlich. So schrieb zum Beispiel der Oberarzt der römischen Armee Pedanius Dioskurides im ersten Jahrhundert nach Christus: „Das Melömeli aber, das man auch Kydonömeli nennt, wird so erzeugt, daß man Quitten, die von den Samen befreit sind, in Honig einlegt.“ Das hört sich einfach an. Für Savas Kasas aber war es gar nicht leicht, die vielen Hinweise in der Literatur zu kombinieren, Rezepte auszuprobieren, auf ihre Umsetzbarkeit zu prüfen.

Seit er damit anfing, klebt bei Familie Kasas die Küche vor Honig, schwimmt alles in Quittenmus. Sicher hing der Haussegen deswegen manchmal nicht besonders gerade. „Aber es hat sich gelohnt“, sagt Kasas begeistert.

Inzwischen reihen sich in den Regalen seiner Speisekammer, säuberlich ausgerichtet, Batterien von Einmachgläsern, alle ordentlich beschriftet. Außer Herstellungsdatum und genauer Bezeichnung des Inhalts sind minutiös sämtliche Bestandteile aufgeführt, dazu, mit exakter Quellenangabe, die Autoren, von denen er die Anregung oder gar das Rezept hat. So bedeutet die geheimnisvolle Aufschrift „Hom. Od. 10, 235“ ganz einfach: Homer, Odyssee, 10. Gesang, Vers 235. Dort wird beschrieben, wie Circe Odysseus und seine Männer bewirtet: „Sie ... mengte geriebenen Käse mit Mehl und gelblichen Honig unter pramnischen Wein und mischte betörende Säfte in das Gericht, damit sie der Heimat gänzlich vergäßen.“ Die „betörenden Säfte“ hat Savas natürlich weggelassen.

Da liest man auf den Gläsern – etwas verwundert, weil sonst aus ganz anderen Bereichen geläufig – die Namen von Historikern und Philosophen wie Varra, Plinius oder gar Aristoteles. Diese meist mit geistigen Themen beschäftigten Herren stimmten – durch drei Jahrhunderte voneinander getrennt – darin überein, daß der Thymianhonig von Hymettos, dem Gebirgszug, der Athen im Südosten begrenzt, geschmacklich mit Abstand der beste sei.