Er fühlte sich gar nicht betroffen, als Willy-Brandt von rechten Spießern in der Partei sprach; da ging es doch um die abgeblitzte Griechin. Aber einige Genossen nutzten die Gelegenheit und zählen ihn jetzt auch dazu. Sie sagen es nicht laut, sie zischeln wie Spießer, und das würde er ihnen antworten, wenn sie es ihm ins Gesicht sagten: Ich, Werner K., bin Mitglied der SPD seit 1958, und keine Partei hat die Spießer bis 1933 so wenig in Ruhe gelassen wie die Sozis. Mein Vater bewahrte die Zeitungen alle auf. Sie sind heute nur noch teuer zu haben. Und so sah er aus, der Spießer: Seinen Schmerbauch umfaßte eine zu stramm sitzende Weste; ein gestutzter Schnurrbart paradierte unter der aufdringlichen Nase; die Haare des fast ballonförmigen Kopfes waren über beide Ohren kurzgeschoren, und der Scheitel mußte messerscharf durchgezogen sein; fettig das Ganze und zur „Bewaffnung“ kam noch ein Spazierstock hinzu ...

Werner K. stöberte deshalb wieder im Nachlaß seines Vaters. In dem Pappkoffer lag auch noch die verbeulte Zigarettendose; dort waren die Parteibeiträge hineingeklimpert, die er von Tür zu Tür einsammelte. Und auf der Straße hatte er sich mit SA-Leuten und Stahlhelmern herumgeschlagen, alles aufgetakelte Spießer in seinen Augen mit perfekten Rezepten zur Rettung des Vaterlandes, der guten Stube im Hintergrund und Ehefrauen als Heldenanbeter, großmäulig und verlogen und gegen Bucklige, Zurückgebliebene, Langhaarige, Juden und Zigeuner. Die Nazis steckten seinen Vater in Schutzhaft, so hieß das damals, und beinahe hätte er noch mal gesessen, weil er 1947 einen SED-Funktionär für den angehenden neuen Spießer hielt, engstirnig und neidisch, rechthaberisch und radikal mit einem perfekten Rezept für das neue Deutschland und den Mund voll eingebleuter Parolen.

Werner K. zeigte keinem Genossen den Pappkoffer, im übrigen hat er nie viel gesagt. Er arbeitete sich nach dem Arbeiteraufstiegsmuster höher: Abitur auf einer Abendschule, dann eine Fachhochschule und nun Elektromotoren.

Weil er inzwischen zu den rechten Spießern gezählt wird, muß es ja auch linke Spießer in der Partei geben, sagt sich Werner K., und sieht sie alle vor sich: die Gleichmacher – deren Kinder man jedoch häufiger in Gymnasien als auf Gesamtschulen findet – mit dem Ruf nach Gleichberechtigung um jeden Preis und dem Haarkult auf Kinn und Kopf, mit der guten Stube im Hintergrund, dem Neid in der Weltverbessererpose, freie Liebe mit dem Rücken zur Familie, halb Richter, halb Priester; der gute Durchschnitt, gesund ernährt und mit sicherem Arbeitsplatz und Wohnungseigentum.

Werner K. bleibt Sozialdemokrat, einerseits aus Tradition, andererseits aus Solidarität. Und warum denn noch? Aus Trotz und der ständigen Bereitschaft zum Kompromiß, wenn Charakter, Gesinnung und Mehrheiten es erfordern und schließlich, Verzeihung, schlicht wegen der Geschäfte.